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30.11.2019

Vom Seemann zum Camper.........Höhen und Tiefen eines langen Lebens Kapitel 7, 8 und 9

Kapitel 7 
Wenn es dem Esel zu gut geht………

1991 - 1996
Am 03.10.1990 feiert Deutschland seine Wiedervereinigung. In den nun neu hinzugewonnenen Bundesländern, herrscht Goldgräberstimmung. Ein komplettes Wirtschaftssystem muss umgebaut werden.......es war die Stunde Null und wer jetzt zu spät kommt, den bestraft das Leben. Für unseren Hausbau in Remseck  hatten wir von unserem Vermögen lediglich zweihundertfünfzigtausend Mark eingesetzt und das was wir darüber hinaus gebraucht hatten, finanziert. Die restlichen fünfhunderttausend Mark, die uns von dem Schiffsverkauf übrig geblieben waren, hatten wir gut angelegt. Ich hatte ja Michelle und Ernesto versprochen, dass ich sie auf ihrem Weg in eine Selbstständigkeit unterstützen würde. Durch die Wende boten sich ja nun im Osten tausende von Möglichkeiten an und so fuhr ich mit Ernesto gleich Anfang 1991 nach Schwerin. Mecklenburg deshalb, weil es Norddeutsche sind, die dort leben und Schwerin, weil ich ganz fest davon ausging, das es einmal die Landeshauptstadt werden würde.
Es gab hier seit ein paar Tagen bereits ein Amt für Wirtschaftsförderung, aber die Mitarbeiter, die wir dort vorfanden, wussten noch gar nicht so genau, was ihre Aufgabe war. Wir erkundigten uns welche Möglichkeiten beständen in der Stadt ein Modehaus zu eröffnen und bekamen einen Treuhandkatalog mit Geschäften, die zum Verkauf standen. So ausgerüstet begaben wir uns auf Besichtigungstour. In der nicht sehr gepflegten Fußgängerzone konnten wir praktisch jedes Geschäft kaufen. Ernesto war von dem, was wir schon gesehen hatten, nicht so richtig begeistert. Alle Geschäfte waren in einem schlechten Zustand und mussten von Grund auf saniert werden. Wir hatten uns vorgenommen, uns auch am nächsten Tag weiter umzusehen, denn es war uns tatsächlich gelungen ein Hotelzimmer zu ergattern. Das war zu dieser Zeit gar nicht so leicht, weil der Osten von Versicherungsvertretern und Autoverkäufern überschwemmt war, die unseren Neubürgern alle möglichen Versicherungen und Schrottkisten andrehten.
Als wir zur Feierabendzeit  in unser Hotel gingen, war es nebelig und es hing eine Wolke von Braunkohleöfen und Trabbiabgasen in den Straßen und in der Luft, die einem den Atem nahm. Unter diesen Umständen war ein Wohnen in dieser Stadt nicht besonders erstrebenswert. Abends an der Hotelbar ließen wir den Tag Revue passieren und Ernesto erzählte mir, dass er eigentlich lieber Autos verkaufen wollte.
Gebrauchtwagenhändler gab es mittlerweile aber an jeder Straßenecke und auf der grünen Wiese. Findige Holländer organisierten sogar Busreisen nach Holland, um Interessenten und holländische Verkäufer zusammenzubringen. Auf diesen Zug aufzuspringen, war meines Erachtens schon zu spät. Aber ein richtiges Autohaus mit Werkstatt zu bauen, das hielt ich für die langfristig bessere Variante.
Also waren wir am nächsten Tag wieder bei der Wirtschaftsförderung und erkundigten uns nach Gewerbegrundstücke. Und wirklich, wir wurden fündig. Ein pfiffiger Landwirt, vermutlich in Kürze einer der ersten Neureichen, hier im Osten,  hatte, nachdem er seine Ländereien am Rande von Schwerin zurückbekommen hatte, diese für einen neuen großen Gewerbepark umwidmen lassen und an die von ihm gegründete Immobiliengesellschaft verkauft. Diese übernahm die Erschließung und die Vermarktung des gesamten Areals. Der Grundstückspreis betrug fünfundsiebzig Mark für den Quadratmeter. Ich war jetzt bereit, für die Beiden ins Risiko zu gehen und reservierte für uns fünftausend Quadratmeter in guter Lage, direkt an der Einfahrt zu dem Gewerbegebiet.  Ein guter Kaufmann wie Ernesto, kann alles verkaufen.......also auch Autos. Das technische Wissen kann er sich aneignen und für die Werkstatt stellt er die entsprechenden Mitarbeiter ein. Michelle ist klug genug, um die Buchhaltung zu leiten…….und was sie noch nicht weiß, kann sie lernen.

Jetzt mussten wir uns zunächst einmal um einen Händlervertrag bemühen. Da ich ja in Stuttgart den Hersteller mit dem Stern vor der Nase hatte und jede Woche mit dem Verkaufsleiter Ost im Flieger saß, machte ich einen Termin und trug unseren Plan vor. So kurz nach der Wende hatten sich aber die meisten Hersteller schon nach Standorten umgesehen und da wo es möglich war, auch schon Vorverträge gemacht. So auch die Stuttgarter. Sie hatten einen Vorvertrag mit einem Wartburghändler, in dem sie ihm ein Jahr Zeit gaben, ein entsprechendes Objekt zu erstellen. Mein Gegenüber bedauerte das, sah aber aktuell keine Möglichkeit vorzeitig aus dem Vertrag zu kommen. Sie würden aber zu gegebener Zeit gerne auf mich zurückkommen. Da war natürlich sehr schade. Ein Autohaus mit dem Stern zu betreiben, war einmal abgesehen von der Investition, kaum ein Risiko. Die Händlerprovision war zwar die Niedrigste von allen Marken aber es gab wegen der langen Lieferzeiten keine Lagerhaltung und deshalb man musste keine Autos vorfinanzieren. Die Händler fungierte eigentlich nur als Makler.
Was nun.....bei VW, Ford und Opel ein ähnliches Bild, vielleicht wäre später etwas möglich, aber aktuell leider nein. Auf den Stern zu warten hatte auch keinen Sinn. Wir sind offenbar doch zu spät gekommen. Aber Ernesto ist ja Italiener, da fällt uns noch Fiat ein. Und tatsächlich, wir rennen dort offene Türen ein.  Fiat war in Schwerin noch nicht fündig geworden und sie sind begeistert als wir uns bei ihnen melden. Sie bieten uns an, Haupthändler für PKW und Iveco Nutzfahrzeuge in Mecklenburg zu werden. Das ist natürlich eine andere Nummer aber zusammen mit dem Geschäft für Transporter und dann noch Haupthändler, hört sich das doch ganz gut an. Sie stellen uns einen Werbekostenzuschuss von fünfzigtausend Mark in Aussicht und wir schließen einen Vorvertrag ab.

Als Nächstes brauchen wir eine Finanzierung. Ich hatte geplant, dass Ernesto und Michelle als geschäftsführende Gesellschafter eine GmbH gründen sollten. Durch die Neugründung alle möglichen Fördertöpfe ausschöpfen sollten, und ich mit fünfhunderttausend Mark als stiller Teilhaber einsteige.  Wir hatten einen jüngeren ostdeutschen Architekten gebeten uns eine Grobplanung für das Objekt inklusive einer geräumigen Inhaberwohnung  on Top zu machen. Was er uns schließlich zur Verfügung stellte, war optisch nicht schlecht……. Ein werbewirksamer Bau mit einer einhundertzwanzig Quadratmeter großen Wohnung plus einem Dachgarten von achtzig Quadratmeter.  Kostenpunkt........zwei Millionen.   Ich kümmerte mich um ein Konzept, einen Businessplan mit einer Ertragsvorschau und vereinbarte mit einigen Banken in Schwerin Termine.

Das war gar nicht so einfach, denn die Telefonverbindungen in den Osten waren katastrophal. Ich habe manchmal Stunden gebraucht um durchzukommen. Wir sprachen mit drei Banken, die noch recht provisorisch untergebracht waren und eine sogar noch in Containern residierte. Alle drei standen, nicht zuletzt auch wegen unserer guten Eigenkapitalsituation, unseren Plänen positiv gegenüber. Da die Konditionen, die man uns angeboten hatte, annähernd gleich waren, entschieden wir uns für eine Hamburger Bank. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich bezüglich der Fördermittel die wir uns erhofften, am Besten für uns einsetzen würden. Wir stellten die entsprechenden Anträge.  Darlehen in dieser Größenordnung wurden natürlich nicht in Filialen entschieden. Man teilte uns mit, dass es in etwa drei Wochen dauern würde, bis wir Bescheid bekämen.  Weil es für uns immer sehr problematisch war, in Schwerin ein Hotelzimmer zu bekommen, hatte mir mein guter Freund Karl aus dem BDS die Adresse seiner Kusine gegeben, die in Schwerin wohnte. Er meinte, dass sie uns da wohl behilflich sein könnte. Sie war erst seit kurzem Witwe.  Sie hatten sich gleich nach der Wende einen BMW gekauft und ihr Mann war dann damit tödlich verunglückt. Er war eines der vielen Opfer geworden, die nach der Wende auf den relativ schlechten Straßen im Osten, mit den schnellen Westautos nicht zurechtkamen.
Sie hatte ein Wochenendhaus am Schweriner See. Weil die Rentenangelegenheit noch nicht so richtig geklärt war, ging es ihr  wirtschaftlich nicht sehr gut. Um über die Runden zu kommen, wollte sie das Häuschen gerne vermieten. Während der Bauphase musste ich ja des Öfteren und Ernesto nach Baubeginn ständig vor Ort sein. Also mietete ich das Haus für sechs Monate.
Nach knapp vier Wochen bekamen wir Bescheid, dass die Bank die Darlehen genehmigt hatte. Wir trafen uns also wieder in Schwerin und unser Banker hatte die Unterlagen soweit vorbereitet. Allerdings hätte seine Zentrale in Hamburg bemängelt, dass Ernesto nicht aus dem KFZ- Gewerbe kam, das würde natürlich ihr Risiko erhöhen. Aber die Bank würde eng mit der Bürgschaftsbank Mecklenburg - Vorpommern zusammenarbeiten und die würden gegen zwei Prozent zusätzlich die Bürgschaft übernehmen. Ferner sollte ich mit Katrins und meinem Vermögen in die Haftung gehen. Davon war aber nie die Rede gewesen, auch die Bürgschaftsbank war vorher kein Thema. Ich fühlte mich über den Tisch gezogen und war richtig sauer. Durch die zusätzlichen zwei Prozent stieg unsere Zinslast um ein Drittel…….das war für mich nicht akzeptabel.  Ich zog mich mit Ernesto zu einem Vieraugengespräch zurück. Bei der Diskussion um ein Für und Wieder, kam er damit raus, dass Michelle, der er zwischenzeitlich schon mal ihre neue Heimat gezeigt hatte, gar keine Lust hatte, in den Osten zu ziehen. Das gab dann den Ausschlag………wir stiegen aus. Ich hatte zwar schon fast zwanzigtausend Mark in das Projekt gesteckt aber jetzt wollte ich nicht mehr. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.   Am Ende waren alle froh. Michelle, weil sie sowieso nicht in den Osten wollte, Katrin, weil uns das Kapital erhalten bleiben würde und Ernesto, dem das ganze irgendwie dann doch eine Nummer zu groß war. Nur ich bin nicht zufrieden, denn ich hätte den Beiden wirklich gerne unter die Arme gegriffen und……..ich verliere nicht gerne.

Im Sommer 1992 ruft mich mein Freund Karl an. Er und ein paar meiner ehemaligen Vorstandskollegen beim BDS haben Großes vor. Sie möchten von der Treuhand aus dem ehemaligen DDR Kombinat Binnenschifffahrt, Werften und Wasserstraßen, die „Deutsche Binnenreederei GmbH i. L.“ (in Liquidation) herauskaufen und fragt mich, ob ich Lust hätte, da mitzumachen……..ich, von meinem Posten im öffentliche Dienst unendlich gelangweilt, hatte Lust und sage sofort und ohne lange zu überlegen zu.  Zur Binnenreederei gehörten etwa eintausend Wasserfahrzeuge (Motorgüterschiffen, Tankschiffen, Schubbooten, Schubschiffen, Schleppern und Leichtern) mit einer Tragfähigkeit von zusammen weit über vierhunderttausend Tonnen. Sie war das größte westeuropäische Binnenschifffahrtsunternehmen und wurde nach der Wende der Treuhand unterstellt, die es verkaufen oder liquidieren sollte. Aufgrund das Wegbrechens des Transportmarktes in den neuen Bundesländern, hatte die Treuhand inzwischen etwa zwei drittel der Flotte stillgelegt und über dreitausend Mitarbeiter entlassen.  

In meiner Zeit als Partikulier, bin ich diesen Schiffen, die in der Hauptsache für den Gütertransport innerhalb der DDR eingesetzt waren, oft begegnet. Ich konnte mir deshalb schon in etwa ein Bild über den Zustand der Flotte machen. Von Karl bekam ich die  Unterlagen der Treuhand zur Einsicht und nachdem Katrin und ich uns diese genau angesehen hatten, einigten wir uns darauf, dass wir, wenn alle Vorraussetzungen stimmen würden, mit vierhunderttausend Mark, das waren zwölf Prozent des geplanten Stammkapitals, dort einsteigen würden.  Mit sechs Interessenten aus unserem Freundes - und Bekanntenkreise und Herbert, dem ehemaligen Bundesgeschäftsführer des Bundes der Selbstständigen (BDS) in Bonn und Initiator dieses Vorhabens, trafen wir uns bei Karl in Bremen. Wir diskutierten, welche Chancen wir mit so einem großen Unternehmen im Markt hätten  und wie wir es in die Marktwirtschaft überführen könnten und kamen zu dem Entschluss, dass wir das Risiko auf uns nehmen wollten, wenn der Kaufpreis stimmen würde.
In der Berliner Verwaltung waren noch achtzig Mitarbeiter in den Abteilungen Schifffahrt, Technik und Buchhaltung und auf den Schiffen noch etwa fünfhundert Leute beschäftigt. Diese Mitarbeiter galt es nun an die Hand zu nehmen um sie für die Marktwirtschaft fit zu machen. Wir kamen überein,  Herbert zum Geschäftsführer zu bestellen. Der kam nicht aus der Schifffahrt und war nur bereit, diese Aufgabe anzunehmen, wenn ihn zwei drei Leute aus unserem Kreis unterstützen würden. Ich fühlte mich ja schon seit längerem wie ein Fisch auf dem Trockenen und mit meinem Posten in Stuttgart unterfordert, deshalb erklärte ich mich bereit mit nach Berlin zu gehen. Es fand sich noch ein weiterer Kollege und auch Karls Sohn, ein Schifffahrtskaufmann, würde mitmachen. Nachdem wir uns einig waren, gründeten wir die „Mittelständische Binnenreederei GmbH“ in Bremen zum Zweck der Übernahme der Deutschen Binnenreederei (DBR) mit Sitz in Berlin. Herbert hatte durch seine vorhergehende Tätigkeit Im BDS guten Kontakt zur Politik und wusste, dass es der Treuhand beim Verkauf von Unternehmen wichtig war, soviel Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. Der Kaufpreis spielte eine sekundäre Rolle. Also machten wir der Treuhand ein Angebot über zehn Millionen Mark für die Schiffe, ohne Immobilien und eine Arbeitsplatzgarantie von fünfhundert Mitarbeitern für die nächsten fünf Jahre. Bei diesem Kaufpreis würden wir kein Risiko eingehen, denn alleine der Schrottwert der Schiffe überstieg ihn um das Vielfache.
Ich war zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt, dass wir mit unserem Angebot sowieso keine Chancen hätten, den Zuschlag zu bekommen. Mein Argument, dass die westdeutschen Großreedereien, sich doch nicht von so ein paar Mittelständlern die Butter vom Brot nehmen lassen würden, beruhigte auch Katrin. Sie war nämlich mit meiner Zusage an meine Mitstreiter, dass ich mit nach Berlin gehen würde, nicht so ganz einverstanden…… 
Vor dieser Aktion hatten wir uns vorgenommen, dem kommenden Winter so weit als möglich zu entgehen. Da ich noch ausreichend alten Urlaub hatte, mieteten wir uns für sechs Wochen, ab Mitte Januar bis Ende Februar ein Haus mit Boot und Auto in Florida. Den Betrag dafür überwies ich Anfang Dezember an das Reisebüro. Ein paar Tage danach, informierte uns Herbert, dass die Treuhand nachgefragt hatte, ob wir bereit wären unser Angebot noch nachzubessern. Es wurde beschlossen, den Kaufpreis um fünfhunderttausend Mark und die Mitarbeitergarantie um fünfzig zu erhöhen. Das machte mich zwar stutzig, aber ich machte mir immer noch keine größeren Gedanken darüber, dass das Angebotsverfahren zu unseren Gunsten ausgehen könnte.
Zwei Tage vor Weihnachten schickt mir Karl ein Fax……..wir haben den Zuschlag. Diese Nachricht schlägt mir sofort auf den Magen. Ich habe das erste Mal in meinem Leben Angst vor meiner eigenen Courage.  
Und nun geht alles auch sehr schnell. Wir sollen schon Ende Februar übernehmen. Das heißt keinen Urlaub in Florida, und einen Aufhebungsvertrag mit dem Hafenamt schließen. Dazu musste ich mich wieder selbstständig machen, denn wir hatten vereinbart, dass ich mit der DBR einen Beratervertrag abschließen würde.  Und als zweitgrößter Gesellschafter hatte ich auch noch einen Posten im Aufsichtsrat. Mein Salär, das ich verhandelt hatte und ich verhandele gerne, war  so gut, dass meine Schwäbin ihren anfänglichen Widerstand aufgab, zumal ich ihr versprach, soweit möglich, jedes Wochenende nach Hause zu kommen.  Jetzt versuchte ich noch, die Kosten, oder zumindest einen Teil, von unserer Floridareise zurückzubekommen, das ist mir leider nicht gelungen……aber bei meinem aktuellen Einkommen werden wir das verschmerzen.
Ende Januar lädt Karl zu seinem „Sechzigsten“ nach Bremen- Vegesack ein. Karl ist Tankreeder und hat cirka zweihundert Gäste in eine Ausflugsgaststätte am westlichen Weserufer eingeladen. Neben seinen Auftraggebern und Kunden natürlich auch die neuen Gesellschafter der DBR und solche, die es eventuell noch werden könnten. Wir wollen neben seinem Geburtstag auch gleichzeitig unseren Erfolg in dem Bieterverfahren feiern und, wenn möglich, noch ein paar neue Gesellschafter hinzugewinnen. Fast alle Gäste müssen am Abend mit der Fähre  zu diesem Gasthaus übersetzen. Also…….Chapeau, Karl hat sich nicht lumpen lassen. Er bewirtet uns aufs Feinste. Vielleicht habe ich damals meinen Tanker doch zu früh zum Frachter umbauen lassen.  Wir feiern ihn und uns und als die Musik um zwei auch mit Geld und guten Worten endgültig nicht mehr bereit ist Zugaben zu spielen, machen wir uns auf den Weg zur Fähre. Wir kommen aber nicht weit, weil uns das Wasser entgegen kommt. Es herrscht eine Nordwestwetterlage und starke Stürme haben das Weserhochwasser so ansteigen lassen, dass die gesamte Uferregion unter Wasser steht und auch die Fähren hatten mittlerweile den Verkehr eingestellt. Was können wir also tun……..wir feiern weiter. Und da auch die Kapelle nicht wegkommt, packen sie ihre Instrumente wieder aus.
Morgens um sieben kommen wir endlich auf die andere Seite und alle Autos, die an der Fähre abgestellt waren, waren vollgelaufen. So etwas nennt man, glaube ich, Kollateralschaden. Unser Auto stand bei  Karl…….wir hatten ein Taxi genommen.

Ich habe meinen sicheren Job, mit Pensionsberechtigung, sausen lassen und fühle mich irgendwie wieder frei. Trotzdem fliege ich, mit einem etwas mulmigen Gefühl, weil ich nicht weiß, was wohl jetzt auf mich zukommen wird, zur Vertragsunterzeichnung nach Berlin. Da muss ich jetzt durch.  Nach der feierlichen Zeremonie der Geschäftsübernahme, begeben wir uns auf die Betriebsversammlung um uns unseren Mitarbeitern vorzustellen. Der Abteilungsleiter Schifffahrt begrüßt uns als Sprecher der Belegschaft. Als ich mir ihn so ansehe, denke ich, dass ich ihn irgendwo schon einmal gesehen habe. Und mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen……das ist doch der nette Prüfer, der mir vor siebzehn Jahren die Patentprüfung abgenommen hatte. Hätte ich ihm damals gesagt, dass ich einmal sein Vorgesetzter werden würde, weiß ich nicht, ob er noch so nett gewesen wäre…….ich glaube ich wäre in Sibirien gelandet. Aber er ist immer noch nett. Ein Kerl wie ein Baum mit Vollbart und Händen wie Klodeckel. Er ist früher auch als Kapitän gefahren und hat dann noch ein Wirtschaftsstudium zum Ing. Ökonom absolviert. Er kennt den Betrieb aus dem Efef und wird uns in der Folgezeit zu einer wichtigen Stütze. Ich habe mich später mit ihm angefreundet und er hat mir erzählt, dass auch er mich sofort wiedererkannt hätte. 

Ich bin jetzt einer der Leithammel mit einem eigenen Büro, und eine, zugegeben sehr hübsche Vorzimmerdame. Mein Einstieg gestaltet sich dann doch erheblich leichter, als ich gedacht hatte. Alle unsere Mitarbeiter waren ja fremd im kapitalistischen System und keiner zweifelt an unserer Kompetenz. Allerdings standen sie uns zunächst einmal etwas misstrauisch gegenüber. Die  Treuhand hatte im Osten keinen guten Ruf. Hatte sie doch viele Betriebe geschlossen und dadurch zigtausend Arbeitsplätze vernichtet. Auch bei den Privatisierungen hatte sie nicht immer ein gutes Händchen gezeigt. Viele Unternehmen waren von den neuen Eigentümern, nachdem sie sich die Filetstückchen gesichert hatten, zerschlagen worden.
Keiner von uns hatte vorher in einem Großbetrieb eine führende Position innegehabt und wir hatten deshalb auch keine Erfahrungen mit den dort praktizierten Führungsstielen. Wir kannten es nicht besser und standen unseren Mitarbeitern zu jeder Zeit für Fragen zur Verfügung. Ich war mit Sondervollmachten für alle Geschäftsbereiche ausgestattet, und  konnte auch sofort Entscheidungen treffen. Meine Bürotür war, wenn ich nicht gerade einen Gesprächstermin hatte, immer und für jeden Mitarbeiter geöffnet.  Es musste uns gelingen, in möglichst kurzer Zeit ihr Vertrauen zu gewinnen denn wir benötigen, um das Unternehmen zum Erfolg zu führen, das Wissen und die Motivation unsere Angestellten. Sie kannten den ostdeutschen Markt und haben, wie dort früher üblich, viele persönliche Kontakte. Diese alten Seilschaften existieren ja zum großen Teil noch. Wenn wir eine reelle Chance haben wollen, müssen wir dafür Sorge tragen, dass der ostdeutsche Markt in unseren Händen bleibt.
Dafür mussten wir auch den bisherigen großen Auftraggebern, wie den Berliner Kraftwerken, glaubhaft machen, dass unser Konzept ihnen eine langfristige Transportsicherheit bietet.  Um die etwa eintausend Wasserfahrzeuge, die überall innerhalb der ehemaligen DDR verstreut und lagen, auch körperlich zu übernehmen, brauchten wir annähernd drei Monate. Einige kleinere Fahrzeuge waren verschollen und andere bereits in irgendwelchen Kieslöchern untergegangen. Wurden sie gefunden, wurden wir von der WSP aufgefordert, unsere Wracks beseitigen zu lassen.
Ein Großteil der stillgelegten Flotte (Parkflotte) lag in Rogätz in der Nähe von Magdeburg. Es war schon gigantisch……..hunderte Schubleichter und Schubboote füllten fast den gesamten Baggersee aus. Zur Bewachung waren fünfundzwanzig Leute abgestellt, deren Aufgabe es unter anderem war, die Motoreinheiten, jetzt im Winter zu beheizen, damit die technischen Anlagen nicht kaputt frieren.

Die DDR hatte, um Devisen für Ölimporte zu sparen, selbst die Schiffe mit Braunkohleheizungen ausgerüstet. So lag über dem See eine dicke, beißende Qualmwolke. Das störte hier aber niemanden, denn im Osten wurden ja überall mit Braunkohle geheizt.  Ein weiterer Teil der Parkflotte lag in der Rummelsburger Bucht in Ostberlin. Hier das gleiche Bild……Schiff an Schiff, soweit das Auge reicht. Diese Kosten, die uns die stilliegende Flotte verursacht, können wir mit den fahrenden Schiffen nicht verdienen. Es ist uns klar, dass wir diese so schnell wie möglich wieder in Gang bekommen, oder verwerten müssen.
Die Abteilung Technik bekam den Auftrag den Zustand der Schiffe zu dokumentieren, damit wir uns ein Bild von dem Reparaturstau und den uns dadurch entstehenden Kosten machen konnten. Alte Schiffe, bei denen der Aufwand zu hoch war, sollten abgewrackt und die Besseren durch Modernisierung effizienter einsetzbar gemacht werden. Auch dachten wir an einen Verkauf von einem Teil der Flotte, um uns ausreichend Liquidität dafür zu schaffen. Allerdings sollte kein Schiff an  Wettbewerber gehen. Unsere Zielgruppe waren Wasserbaufirmen und ausländische Interessenten. So haben wir Schubleichter nach Westafrika und in die skandinavischen Länder verkauft.

Wir vier Wessies haben eine große möblierte Wohnung im Gästehaus  des Bundesamtes für Strahlenschutz in Karlshorst gemietet. In diesem Objekt fühlten wir uns, streng bewacht, sicher. Karlshorst ist noch russische Garnison. Um uns herum leben tausende Soldaten mit ihren Familien. Wenn wir morgens ins Büro fahren, wird das Straßenbild von den Tellermützen der Soldaten dominiert. Dieser Stadtteil war vor dem Krieg die Beamtenstadt von Berlin. Viele alte Patrizierhäuser zeugen noch vom Wohlstand, der hier einmal herrschte. Aber jetzt sah es hier genauso aus, wie im gesamten Ostberlin……die Häuser zerfielen, Farbe gab es nicht und die Grundstücke waren ungepflegt.
Aber so ganz zaghaft, machte sich auch hier die neue Zeit wie ein zartes Pflänzchen breit…….hier ein Italiener, dort eine neue Kneipe oder ein kleiner neuer Laden. Alles braucht seine Zeit…..

Wenig Zeit hingegen, haben die großen Projekte im Zentrum von Berlin. Am Potsdamer Platz, eine riesige Brache an dem ehemaligen Todesstreifen mitten in der Stadt, stehen in – und ausländische  Investoren in den Startlöchern. Hier soll die neue City entstehen. Um solch ein Projekt mitten in der Stadt zu realisieren, bedarf es einer ausgefeilten Verkehrslogistik. Es müssen Unmengen von Baustoffen in die Stadt und Abbruchmaterial heraus gefahren werden. Hier kommen wir mit unserem  Equipment ins Spiel. Die Spree fließt ja mitten durch die Stadt und wir können ausreichend Schiffsraum zur Verfügung stellen, um diese Transporte abzuwickeln und damit den unausweichlichen Verkehrskollaps in der Stadt zu verhindern.
In Ostberlin gibt es ein Kraftwerk, das ausschließlich mit Braunkohle aus der Lausitz betrieben wird. Da dieses keinen Bahnanschluss hatte,  transportierten wir täglich viertausend Tonnen Braunkohle von Königswusterhausen nach Berlin. Diese Aufträge garantieren uns zunächst einmal eine gute Auslastung unserer aktiven Schubflotte.
Wir vier sind voll im Einsatz und kamen keinen Tag vor zwanzig Uhr aus dem Büro. Jeder ist in einem Bereich voll ausgelastet. Herbert kümmert sich um Marketing und Akquisition von Großkunden. Mein Kollege, technisch versiert und auch als Berater in der Firma, kümmerte sich um die Technik. Karls Sohn, um die Logistik und ich, der ja ein paar Jahre Erfahrung in der Hafenverwaltung hinter sich hatte, kümmere mich um die internen Dinge und die Verwaltung. So wurde zum Beispiel keine Rechnung bezahlt, wenn ich sie nicht vorher gesehen hatte. Ich kümmerte mich um den Verkauf von Schiffen und schaffte neue Büromöbel sowie eine Flotte von Dienstwagen für die leitenden Mitarbeiter und die Schiffsinspektoren an. Ganz wichtig war, eine neue Telefonanlage installieren zu lassen und die Mitarbeiter auch darauf und im telefonischen Umgang mit unseren Kunden zu schulen. Denn es kam vor, dass im Betrieb niemand abnahm wenn das Telefon klingelte. Oder unsere Sekretärinnen verabschiedeten sich bereits um halb drei mit Begründung, sie würden schon morgens um sechs anfangen. Wenn ich nachmittags etwas zu schreiben hatte, waren die Mädels ausgeflogen. Ich bestand darauf, dass ihre Arbeitszeit jetzt um acht Uhr beginnen und um halb fünf enden würde. Kurz und gut, wir krempelten die gesamte Büroorganisation um. 
Nach Büroschluss gingen wir dann meistens essen oder waren oft noch von Lieferanten eingeladen, so dass unsere Tage meistens nicht vor Mitternacht endeten. Am Morgen saßen wir dann beim Frühstück zusammen, tauschten uns aus und besprachen die nächsten Schritte weil wir uns meistens den ganzen Tag nicht mehr zu sehen bekamen. 
So nach und nach bekamen wir die Sache in den Griff. Die Transportmengen zogen, nicht zuletzt auch wegen der regen Bautätigkeit, die überall im Osten auflebte, langsam an. Wir konnten daran denken, jetzt einige Schiffe der Parkflotte zu reanimieren. Das sprach sich natürlich rum uns so kamen wieder einige der von der Treuhand entlassenen Kapitäne, um nach Jobs nachzufragen. Wir wollten aber zunächst einmal kein zusätzliches Personal einstellen, deshalb bot ich ihnen an, ein Schiff von uns zu mieten oder zu kaufen. Wir würden ihnen, vertraglich zugesichert, die Ladungen vermitteln und sie auch sonst, wenn nötig, betreuen.
Für Interessierte hielt ich Existenzgründungsberatungen ab. Dabei konnte ich ja viel meiner eigenen Erfahrung einbringen Mit unserer Hausbank, hatten wir ein Konzept entwickelt, das geeigneten Kapitänen den Weg in die Selbstständigkeit ermöglichen sollte. Es gab von der Regierung wieder entsprechende Programme, so dass sie, auch ohne Eigenkapital, eine Chance hatten…….Wer sich noch nicht traute, gleich ein Schiff zu kaufen, konnte es zunächst einmal mieten. 
Im Laufe von drei Jahren habe ich fast hundert Neugründungen begleitet, von denen die Meisten auch erfolgreich waren. Teilweise so erfolgreich, dass sich aus einigen dieser Partikulierbetriebe sogar kleine Reedereien entwickelt hatten.

Ich war in meinem Element…….ich konnte, nein musste, quatschen ohne Ende und es war immer was los. Ich konnte erst abschalten, wenn ich freitags im Flieger saß und meinen Weekenddrink zu mir nahm. „Tue Gutes und sprich darüber“ ist ein wichtiger Grundsatz im Marketing. Herbert hatte mittlerweile eine Firmenzeitung ins Leben gerufen und ließ die monatlichen Ausgaben an alle für uns relevanten Stellen versenden. So wurde auch die Bundesregierung auf uns aufmerksam und wir bekamen, weil es doch endlich einmal auch etwas Positives aus den neuen Bundesländern zu berichten gab, sogar Ministerbesuch. Die Deutsche Binnenreederei ein Erfolgsmodell?
Auch für unsere stilliegenden Schubleichter bot sich eine wirtschaftlich interessante Lösung an. 1990 wurde das Duale System (grüner Punkt) gegründet. Es sollten Plastikabfälle getrennt gesammelt, recycelt und einer Wiederverwertung zugeführt werden. Man hatte angefangen zu sammeln, ohne die ausreichende Recyclingmöglichkeiten geschaffen zu haben. Irgendwann hatte das System Probleme im Markt geeigneten Lagerraum anzumieten. Wir hörten davon und boten unsere ungenutzten Schubleichter als schwimmendes Lager an. Unser Konzept bestand daraus bis cirka zweihunderttausend Tonnen dieser zu Ballen gepressten Plastikabfälle aufzunehmen. Anschließend wieder an den jetzigen Liegeplatz nach Rogätz zu verbringen, dort zwischenzulagern und bei Bedarf einer Verwertung zuzuführen. Zur Sicherheit wollten wir zwei Schubboote zu Feuerlöschbooten ausrüsten und dieses Lager rund um die Uhr bewachen lassen.
Das Duale System fand unser Konzept gut und es kam zu einem Vertragsabschluss, der so gut war, dass wir der Meinung waren, unser Unternehmen jetzt, auch operativ, in schwarze Zahlen zu bekommen. Aber......nachdem wir etwa vierzigtausend Tonnen eingeladen hatten, war irgendein Schreiberling einer ostdeutschen Tageszeitung au unsere Aktivitäten gestoßen und  hatte einen Artikel mit der Überschrift „Stinkender Westmüll lagert in ostdeutschem Naturschutzgebiet“ veröffentlicht. Daraus entstand, wie auch schon bei anderen Anlässen, eine riesige Medienkampagne, bei der die Politik kalte Füße bekam und uns die bereits erteilte Genehmigung wieder entzog......... Ich bin in dieser Angelegenheit noch bei der zuständigen Behörde in Stendal vorstellig geworden aber man hat uns, wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, obwohl der Grüne Punkt doch eigentlich auf eine Initiative des Bundes zurückgeht……….Ich sah mich einmal mehr in meiner Feststellung, dass wir eine mediengesteuerte Gesellschaft sind,  bestätigt.

Mit unserer Wochenendehe klappte es zunächst wirklich gut. Katrin war aber zwischenzeitlich an Asthma erkrankt und arbeitete nur noch halbtags im Imbiss. Sie hatte jetzt mehr Zeit und holte mich vom Flughafen ab. Sie kochte mir meine Leibgerichte und wir genossen die, zugegeben zu kurze, Zeit miteinander. Nur wenn sie manchmal ihre Asthmaanfälle bekam, war ich doch sehr besorgt und empfahl ihr die Arbeit im Imbiss ganz  aufzugeben und ihn nur noch organisatorisch zu betreuen. Und was ich für ganz wichtig empfand, sie sollte das Rauchen aufgeben. Um sie dabei zu unterstützen, gab ich von einem auf den anderen Tag das Rauchen auf und versuchte sie mitzuziehen. Leider ist es mir nicht gelungen und es hat mich dann doch schon geärgert, wenn sie sich, nachdem sie sich wieder einmal von einem Anfall erholt hatte, trotzdem wieder eine Zigarette ansteckte.
Mitte 1994 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand so sehr, dass sie ins Krankenhaus kam und danach in Kur ging. Daraufhin verkauften wir den Imbiss im Mietkauf an unsere Mitarbeiterin. Nun wurde sie zusehends unzufriedener. Sie langweilte sich jetzt zu Hause und machte mir dann Vorwürfe, dass  ich mir in Berlin ein schönes Leben machen würde und sie zu Hause alleine herumsäße.
Sie hatte einen, aus ihrer Sicht, begründeten Verdacht denn, neben meinen vielfältigen Aufgaben organisierte ich unsere Auftritte bei allen großen Verkehrsmessen im Lande. Ich hatte einen attraktiven Messestand entworfen und bauen lassen und stellte unser Unternehmen in Leipzig, Düsseldorf und München mit einer Crew von vier – fünf Leuten vor…… Bei der Verkehrsmesse in Leipzig kam auch unser Geschäftsführer vorbei und wir gingen abends zusammen essen. Er trank dabei etwas zu schnell und etwas zuviel und lud uns danach noch in eine Bar ein. Diese Bar, war so wie man (n) sich eine Bar vorstellt, die Dekorationen waren ausgesprochen hübsch.  Als erfahrener Seemann weiß man damit umzugehen aber Herbert war nie Seemann und ließ sich verführen mehrere Flaschen Schampus auszugeben.  Als wir gehen wollten, war er plötzlich verschwunden und ich saß auf einer Rechnung von fast eintausendvierhundert Mark. Ich hatte nicht soviel Bargeld dabei und musste mit meiner privaten Kreditkarte bezahlen. Die Abrechnung kam bei mir zu Hause an und da wir keine Geheimnisse voreinander hatten, öffnete Katrin die Post und fand eine Abrechnung der „Rosi Bar“ in Leipzig über fast eintausendvierhundert Mark und dem Hinweis: „Wir hoffen, wir konnten ihnen einen angenehmen Abend bereiten“. Ich weiß nicht, ob ich alle Zweifel bei ihr ausräumen konnte……ich glaube ein Stachel war geblieben…..

Also musste ich mir wieder einmal etwas einfallen lassen……ich verdiente ja sehr gut und bezahlte dementsprechend auch eine Menge Steuern. Um Investitionen in den Osten zu bekommen, hatte die Bundesregierung beschlossen, für diese Sonderabschreibungen zu gewähren. Ich bin jetzt der Meinung, darum sollte ich mich mal kümmern. Auf einem Flug von Stuttgart nach Berlin, komme ich mit meiner Sitznachbarin ins Gespräch und sie erzählt mir, dass sie das Liegenschaftsamt in Altlandsberg, östlich von Berlin leitet. Ich hatte mitbekommen, dass durch dieses Steuersparmodell in und um Berlin viele Immobilien in der Entstehung waren bzw. modernisiert wurden. In Altlandsberg sollte ein Baugebiet erschlossen werden, in dem der Quadratmeter einhundertfünfundzwanzig Mark kosten sollte. Das machte mich hellhörig, im Speckgürtel von Berlin, in einem Neubaugebiet Grundstücke zu diesem Preis…….das konnte ja gar nicht schiefgehen. Wir vereinbarten einen Termin und ich sah mir dass Vorort mal an. Die Verkehrsanbindung nach Berlin war gut und laut Bebauungsplan würde dort eine nette Neubausiedlung entstehen in der sich, meiner Meinung nach, Immobilen gut vermieten lassen müssten. Ich hatte noch die freie Auswahl und ließ mir zwei nebeneinander liegende Grundstücke von eintausendfünfzig und eintausendzweihundertfünfzig Quadratmeter reservieren.
Danach führte ich ein Gespräch mit unserem Steuerberater und unserer Bank, die meine Pläne positiv beurteilten. Ich suchte mir ein Bauunternehmen im Ort und plante mit den, aus dem Westen stammenden Inhabern, auf dem kleineren Grundstück zwei Doppelhaushälften zu erstellen und verhandelte mit ihnen einen sehr guten Preis. Damit ich noch in den Genuss der Sonderabschreibung kommen konnte, mussten die beiden Häuser bis Ende 1995 fertig gestellt und auch vermietet sein. Die Fertigstellung regelten wir vertraglich und mit einer entsprechenden Strafzahlung bei Nichteinhaltung der Vereinbarung……..um die Vermietung müsste ich mich selbst kümmern. Nachdem mir unsere Bank für dieses Objekt eine Vollfinanzierung zugesagt hatte, kaufte ich im Februar 1995 beide Grundstücke.
Auf dem Größeren, das ich bar bezahlte, wollte ich vielleicht etwas später ein Bungalow für uns privat bauen. Das Treppensteigen in unserem Reihenhaus über drei Etagen, war für Katrin, in ihrem Zustand, schon sehr mühsam. Ich versuchte ihr einen Umzug In Richtung Berlin so schmackhaft wie möglich zu machen und hoffte, dass sie irgendwann einmal ihre noch ablehnende Haltung aufgeben würde.

Ich saß ja auch im Aufsichtsrat der Firma und wir hatten inzwischen rund fünfzig Gesellschafter. Ertragsmäßig dümpelten wir so vor uns hin. Die schwarze Null schafften wir nur durch den Verkauf von Schiffen. Herbert hatte aus Prestigegründen einen Großvertrag abgeschlossen, der nicht kostendeckend war und versuchte uns als Globalplayer aufzubauen. Er hatte Schiffe mit einem ungeheueren Kostenaufwand nach London auf die Themse geschickt. Weiterhin hatten wir Tochterunternehmen in Polen und in den Niederlanden gegründet. Dazu unterhielten wir Niederlassungen in Magdeburg, Dresden, Hamburg, Duisburg und Mannheim. Diese Entwicklung, die uns erhebliche mehr Kosten verursachte, als sie uns einbrachte, war von mir mehrfach scharf kritisiert worden. Dazu bekamen wir Mitglieder des Aufsichtsrates auf den Gesellschafterversammlungen Kritik ob dieser Entwicklung und  dass wir vier Wessies der Firma durch unsere Heimflüge und  der Unterbringung in Berlin  jährlich etwa einhundertfünfzigtausend Mark kosten würden. Es wurde gefordert, dass wir, nach nunmehr gut zwei Jahren, unseren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegen, oder unsere Reise- und Unterbringungskosten selber tragen sollten. Ich fand die Forderung der Anteilseigner gerechtfertigt und der Ton, der zwischen Herbert und mir sowieso nicht mehr der freundschaftlichste war, wurde dadurch noch rauer.

Die Baufirma in Altlandsberg hatte, nachdem ich die Baugenehmigung in der Hand hatte sofort begonnen und die Grube für das Untergeschoss ausgehoben. Die Häuser sollten jeweils zweihundertvierzig Quadratmeter Wohn – und Nutzfläche bekommen. Darin eingeschlossen ein voll ausgebautes Souterrain mit fünfundachtzig Quadratmeter und separatem Eingang. Ich hatte mir dieses als Einliegerwohnung oder Büroflächen für Freiberufler, wie Steuerberater o. ä. gedacht. Die meisten der umliegenden Neubauten hatten kaum mehr als einhundert Quadratmeter und ich war mir sicher, dass es bestimmt einen Bedarf gäbe, den ich mit meinem Bau decken könnte. Nachdem Ende Mai die Bodenplatte gegossen war, passierte zunächst nichts mehr und ich sah mich das erste Mal genötigt, das Bauunternehmen auf unseren vereinbarten Fertigstellungstermin hinzuweisen.

Anfang Juli habe ich, als Vertreter der Firma, an einer Beerdigung eines technischen Mitarbeiters von uns, der mit nur fünfunddreißig Jahren einem Verkehrsunfall erlegen war, teilgenommen. Er hinterließ eine Frau und zwei kleine Kinder. Das alles hatte mich so mitgenommen, dass ich nicht mehr in der Stimmung war, gleich ins Büro zurückzufahren. Ich fuhr also auf die Baustelle und traute meinen Augen nicht. Eine ganze Kolonne Maurer hatten bereits die Wände im Untergeschoss hochgezogen. Als ich mir das so ansah, kamen mir Zweifel, dass es mit dem was ich sah, seine Richtigkeit hatte und bat um Einsicht in die Pläne. Mich verstand aber keiner…….alle Maurer kamen aus England. Nachdem ich den Vorarbeiter ausfindig gemacht hatte und wir gemeinsam die Pläne einsahen, stellten wir fest, dass die Wände um einhundertachtzig Grad von den Plänen abwichen.  Ja, ja diese Engländer, irgendwie müssen sie den Plan auf den Kopf gestellt haben…….sie fahren nicht nur auf der falschen Seite, nein sie bauen die Häuser auch noch falsch herum. Was für ein Glück, dass ich an dem Tag zur Stelle war. Der Mörtel hatte noch nicht abgebunden uns so rissen sie die Wände wieder ein und fingen wieder von vorne an.
Danach sollte die erste Zwischendecke aus Fertigteilen kommen……sie kam aber nicht. Als ich das Bauunternehmen anrief, hatte ich einen der Inhaber am Telefon, der mir mitteilte, dass  sie für ihre Firma Konkurs angemeldet hatten. Jetzt schnappte ich erst einmal nach Luft. Wie sollte ich die Häuser jetzt termingerecht fertigbekommen und wenn ich die Sonderabschreibung nicht nutzen konnte, war diese Investition für die Katz……. Aber meine Vertragspartner boten mir an, eine neue Firma zu gründen und meine Häuser fertig zu bauen. Ich setzte die Abschlagszahlungen weiter nach hinten um mehr Sicherheit zu haben und wir bauten weiter.

Zu Hause in Hochdorf, ging unsere Diskussion weiter. Katrin wollte nicht mit nach Berlin kommen. Auch meine Argumente, dass uns eigentlich gar nichts Anderes übrig bleiben würde, als nach Berlin zu ziehen, weil ja hier mein / unser wirtschaftlicher Mittelpunkt war, erkannte sie nicht an. Ich weiß nicht, was passiert war, wir waren doch fast fünfundzwanzig Jahre durch dick und dünn gegangen, hatten alles miteinander geteilt und fanden jetzt einfach keine Lösung. Sie holte mich auch nicht mehr vom Flughafen ab. Irgendwie hatte ich den Verdacht, dass sie vielleicht bei einer ihrer Kuren jemanden kennengelernt haben könnte. Wir sprachen jetzt von Trennung und steuerten unaufhaltsam, wie der Zug der Lemminge, auf unseren persönlichen Abgrund zu.
Ich flog wieder nach Berlin und wir vereinbarten, eine Denkpause um uns danach mit den Folgen, wie auch immer, auseinanderzusetzen. Wir kamen aber zu keiner Einigung und es galt jetzt nur noch, eine Trennung fair durchzuziehen. Also setzten wir uns zusammen, listeten unser Vermögen auf und teilten es durch zwei. Sie hatte schon unser gemeinsames Konto abgeräumt und bekam dazu das Haus mit allem was darin war. Dazu das Auto und die Raten aus dem Verkauf des Imbiss und weil sie ja nicht arbeiten konnte, erklärte ich mich bereit ihr, solange sie alleine leben würde, einen Unterhalt von zweitausendfünfhundert Mark im Monat zu zahlen. Ich behielt den Anteil an der Firma und die Immobilien in Altlandsberg.  Als ich mit meinen paar persönlichen Sachen von Hochdorf wegfuhr und sie mir nachsah, hatte ich das Gefühl……wir hatten es eigentlich beide nicht soweit kommen lassen wollen, waren jetzt aber doch den Abgrund hinuntergefallen. Es ist schlimm nach so einer langen Zeit, einen Partner zu verlieren. Aber genauso schlimm ist es fünfundzwanzig Jahre seines Lebens zu verlieren. Es gibt kein gemeinsames Rückerinnern „weißt du noch wie es war“ mehr…..diese Zeit ist einfach unwiederbringlich verloren……
Ein paar Wochen später bekam ich Post von einer Anwältin aus Ludwigsburg. Katrin hatte mir misstraut und über den Tisch gezogen gefühlt. Sie hatte sich mit unserer Vereinbarung an diese Anwältin gewandt……ich weiß nicht, was die ihr geraten hatte. In dem Schreiben, das ich erhielt, waren genau die Forderungen aufgelistet, über die wir uns ja schon geeinigt hatten. Ich rief Katrin an um ihr mitzuteilen, dass sie dieses überflüssige Schreiben einiges kosten würde. Sie hatte die Rechnung schon……..wegen des Streitwertes von über einer Million, verlangte die Anwältin für dieses eine Schreiben von ihr fünfzehntausend Mark. Ich habe daraufhin noch versucht ihr zu helfen, aber mein Schreiben an die Anwaltskammer hatte keinen Erfolg. Nach der Gebührenordnung war die Anwältin im Recht…….

Von der Maklerfirma, die ich mit der Vermietung der Häuser in Altlandberg beauftragt hatte, habe ich wochenlang nichts gehört…….nicht ein einziger Interessent. Aber auch hier hatte ich mir wieder eine Selbstvermarktung offen gehalten und daraufhin die Häuser in den großen Berliner Tageszeitungen angeboten. Es meldeten sich einige Interessenten und schon beim ersten Besichtigungstermin hatte ich für beide Häuser solvente Mieter…….wenn man nicht alles selber macht. Jetzt mussten die Häuser nur noch rechtzeitig fertig werden. „Ich bin ein Berliner“ und spare der Firma die Reisekosten. An den Wochenenden bin ich  jetzt alleine in unserer WG Wohnung und kann nicht sagen, dass ich mich dabei wohlfühle. Das Alleinsein ist nichts für mich, ich möchte jemanden um mich haben…….ich brauche eine neue Frau. Da ich in den letzten Jahren tüchtig zugenommen hatte, fing ich an auf dem weitläufigen Gelände des Bundesamtes zu laufen und Gymnastik zu machen. Ich mied Fahrstühle und klinkte mich bei unseren allabendlichen Rastaurantbesuchen aus. Dabei wurde nämlich meistens deftig gegessen und getrunken. Jetzt bereitete ich mir mein Abendessen selber zu und verlor dabei so nach und nach einige Kilos. Ok, mit neunzig Kilo war ich immer noch kein Leichtgewicht, aber die Anzüge saßen wieder besser, und die Hosen kniffen nicht mehr……so konnte ich mich jetzt aber sehen lassen und mich mal unter den Schönen des Landes umtun.  Ich inserierte in der Wochenendausgabe unserer Tageszeitung, dass ich eine Frau um vierzig suchte, die sich in Jeans aber auch im Abendkleid wohlfühlt. Bei meiner Selbstdarstellung muss ich wohl den richtigen Ton gefunden haben……mit einem guten Marketing kann man ja  bekanntlich alles verkaufen…… denn ich bekam siebenunddreißig Zuschriften.
Jetzt sagen ja ein paar Zeilen noch nicht sehr viel über einen Menschen aus. Aber Männer sind ja bekanntlich Augenmenschen und so selektierte ich zunächst einmal nach dem Aussehen. Dann war mir eine vernünftige Ausdrucksweise wichtig und ich schloss zu junge Frauen aus. Am Ende blieben sieben Damen über und ich fing an, mich zu verabreden. Alle kamen aus dem Ostteil der Stadt. Es war auffällig, aber sie wirkten, nicht zuletzt auch durch ihren Bekleidungsstiel, einfach femininer als die Frauen aus dem Westen. In der nun folgenden Zeit, blieb die Küche in der Wohnung des Öfteren kalt. Ich lud die Mädels, natürlich einzeln, ins ehemalige Pressekaffee am Alexanderplatz ein. Dort servierte  das dort neueröffnete brasilianisches Steakhaus ein hervorragendes Rodizio. Diese Abende waren alle ein Highlight. Fleisch satt und das in Gesellschaft von wirklich tollen Frauen. Natürlich hatten sie sich alle schick gemacht und ich war begeistert. Ich bin ja nicht auf den Mund gefallen und so kamen recht schnell rege Unterhaltungen auf. Offensichtlich hatte ich den Mädels auch gefallen, denn nach unseren Abenden wollten wir auf jeden Fall in Kontakt bleiben. Ich hatte mich zwar in keine verknallt aber da ich der Ansicht war, dass das sowieso Zeit braucht, hätte ich mir vorstellen können, mit jeder von ihnen einen Versuch zu starten. Aber genau das war jetzt mein Problem…….ich konnte mich einfach nicht entscheiden, wie sollte ich denn jetzt weitermachen. Ich wusste es wirklich nicht und weiter sieben Freundinnen auszuhalten, dass wird auf die Dauer auch teuer.

Dann bekam ich noch eine verspätete Zuschrift. Bärbel entsprach, dem Foto nach, genau meinem Beuteschema. Also verabredete ich mich mit ihr in Marzahn, vor dem Plattenbau, in dem sie wohnte. Als sie aus der Tür kam……wow  das war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Wieder fuhr ich mit einer neuen Frau zum Brasilianer Rodizio essen. Die Kellner dort wunderten sich wohl schon über mich…….immer wenn er kommt, mit einer Anderen, das ist ja doch ungewöhnlich. Bärbel war acht Jahre jünger als ich und sehr belesen sie erzählte mir, dass sie sich, nach der Wende,  ihren Lebenstraum verwirklicht und einen Buchladen eröffnet hatte. Nur ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse, ging das nicht lange gut und so musste sie ihren Traum vor ein paar Monaten wieder begraben. Jetzt lebte sie von Sozialhilfe in einer Einzimmerwohnung in Marzahn. Nach dem Essen fuhr ich sie wieder nach Hause und sie lud mich noch auf einen Kaffee zu sich ein. Na ja, den Kaffee am nächsten Morgen bekam ich auch noch.
Sie hatte mir auch noch erzählt, dass sie eigentlich Kommunistin sei und es sich bis dato hätte gar nicht vorstellen können, sich mit einem Wessie näher zu beschäftigen. Aber wir beschäftigten uns sehr eingehend näher miteinander und so lernte ich das Liebesleben von Kommunistinnen kennen. Das kannte ich noch nicht aber es gefiel mir so gut, dass ich bald zu ihr in ihre Einraumwohnung in die neunte Etage zog. Sollte sie vorher irgendwelche Ressentiments gegen das Liebesleben von Kapitalisten gehabt haben, legte sie sie schnell ab. Auch sonst hatte sie nichts dagegen, wenn ich den Kapitalisten heraushängen ließ und sie ein bisschen verwöhnte.

Ich war richtig froh, wieder in festen Händen zu sein und schrieb den anderen Mädels ab.  In Ihrem Wolkenkuckucksheim war es ja mit dreißig Quadratmeter ein bisschen eng aber wir hatten bald eine Alternative. Einer meiner zukünftigen Mieter sprang ab. Ich verlangte für eine Haushälfte zweitausend Mark und er hatte etwas Günstigeres gefunden. Kurzerhand hielt ich das Haus für Bärbel frei, die mir versprach, mich als Untermieter aufzunehmen, wenn ich die Miete übernehmen würde.  Sie stellte mich stolz ihrer Familie vor. Sie, die Kommunistin, hatte sich einen Manager geangelt. Ihre Eltern beide Mitte sechzig, hatten mit der Wende durch Betriebsschließungen ihre Arbeitsplätze verloren und waren in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden. Vor allen Dingen ihr Vater, ein ewig Gestriger, schimpfte über die Wende, obwohl es ihnen heute, beide mit einer recht guten Rente, besser ging, als je zuvor und wenn ich mich noch an Karins Oma erinnere, hat die Wende sie vor der Altersarmmut bewahrt.
Das Gemeckere ging mir so ein bisschen auf die Nerven. Wir bekamen deshalb auch nicht so einen guten Draht zueinander. Bärbel hatte einen zweiundzwanzigjährigen Sohn mit Schwiegertochter und eine zwanzigjährige Tochter mit Lebensgefährten und eine Enkeltochter. Ich bekam also jetzt eine ganze Familie dazu.

Zum Richtfest im Oktober hielt den Richtspruch nicht der Zimmermann, sondern einer der Bauunternehmer. Das warum hätte ich eigentlich hinterfragen sollen aber ich war ja noch nicht so bauerfahren. Wir feierten in Altlandsberg in einer Gaststätte namens „Armenhaus“. Als Gag servierte der Wirt Pellkartoffeln mit Salz und ich bat meine Gäste um Nachsicht, weil mir zwischenzeitlich das Geld ausgegangen sei. Nun……ich glaube nicht, dass mir das jemand abgenommen hatte und es gab ja dann auch noch etwas Ordentliches auf den Teller. Aber der Installateur sprach mich bei der Feier an, er hätte gehört, dass der Zimmermann sein Geld nicht bekommen und aus diesem Grund auch keinen Richtspruch gehalten hatte. Er würde mir für seine Heizungs - und Sanitärarbeiten einen besonderen Rabatt einräumen, wenn ich seine Rechnung direkt an ihn bezahlen würde. Er hatte Bedenken, dass er sonst sein Geld auch nicht bekäme. Ich sagte ihm zu denn es war mir egal, ob ich an den Bauunternehmer zahlte oder an den Handwerker. Die Hauptsache war, wir würden termingerecht fertig. 

Und dann kam es, wie es kommen sollte……..Anfang November war meine Baufirma wieder pleite. Die eine Haushälfte war innen, bis auf ein paar Restarbeiten fertig und in der zweiten waren noch der Fliesenleger und der Maler beschäftigt. Außen war noch gar nichts gemacht. Es fehlten die Terrassenplatten, die Pflasterung der Zuwegung und der Stellplätze und die gesamte Grundstücksgestaltung. Aber ich hatte ja, in weiser Voraussicht meine Ratenzahlungen nach hinten verschieben lassen und so hatte ich noch Geld auf dem Baukonto. Von den beiden Geschäftsführern fehlte jede Spur. Sie hatten dieses Mal einen betrügerischen Konkurs hingelegt und waren mit meinen Zahlungen offensichtlich einfach durchgebrannt.
Bei der Zusammenkunft mit den Handwerkern, erfuhr ich, dass das Bauunternehmen weder dem Tischler die Fenster und Türen bezahlt hatte und auch Fliesenleger, Maler oder Elektriker hatten noch kein Geld gesehen. Ich zog erst einmal provisorisch in die Baustelle, damit keiner auf die Idee kam, wieder etwas aus den Häusern auszubauen. Ich hatte ja die vereinbarten Raten pünktlich bezahlt und laut Gesetz dürfen die Handwerker eigentlich nichts mehr entfernen aber…….sicher ist sicher.

Ich einigte mich dann mit ihnen, dass ich alles bezahlen würde, was noch in Arbeit war nur den Tischler konnte ich nicht mehr befriedigen. Ich hatte die Abschlagszahlung die nach dem Einbau bereits bezahlt. Er ist auf seiner Lieferung und dem Einbau von vierzig Türen und Fenster, vier Haustüren und zwei Terrassenelementen sitzen geblieben. Ich hoffe, dass er das wirtschaftlich überstanden hat.  Die Gestaltung des Grundstückes wollte ich aus Kostengründen, selber übernehmen. Ich hatte noch Bärbels Verbindlichkeiten aus ihrem Geschäft übernommen, um zu verhindern, dass sie einen Offenbarungseid leisten musste. Dafür sollte meine neue Familie, jetzt mit anpacken.  Am Besten verstehe ich mich mit Marco, Bärbels Sohn und Jana, seiner Frau. Die Beiden sind zweiundzwanzig und seit kurzem verheiratet. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie kam von Anfang an zwischen uns so ein Vater – Sohn Gefühl auf.
Bärbel war alleinerziehende Mutter und ihre Kinder hatten ihre Väter nie kennengelernt. Marco hat es schon zum Abteilungsleiter in einem großen Elektronikmarkt gebracht. Er ist unheimlich aktiv und quatscht genauso gerne wie ich. Jana ist bei einer Krankenkasse und sehr strebsam……die Beiden werden ihren Weg schon machen. Bärbels Tochter Lara, gelernte Friseuse, ist zwei Jahre Jünger, hat eine zweijährige Tochter und lebt mit Andreas dem Vater des Kindes zusammen.  Der hat aber zwei linke Hände, deshalb sehe ich deren Zukunft nicht so ganz rosig.

Das Erdreich rund um das Haus besteht aus einem Sand – Lehm Gemisch und war durch die Baufahrzeuge so festgefahren, dass es steinhart war.  Durch das Souterrain lagen die Terrassentüren etwa eineinhalb Meter über Grundstücksniveau. Deshalb lasse ich seitwärts L-Profile setzen und nach vorne bauen wir einen Wall aus einhundertachtzig Pflanzringen. Unter den Terrassen werden zwei Regenwassertanks mit Pumpen eingesetzt und Wasserhähne jeweils seitlich an den L-Profilen installiert. Ein Tiefbauunternehmen füllt unsere Terrassen an und liefert zweihundert Kubikmeter Muttererde. Wir füllen davon etwa zwanzig Kubikmeter mit Eimern in die Pflanzringe und die Mädels bepflanzen sie. Mit einer geliehenen Motorhacke arbeiten wir den Rest der Muttererde in den Boden ein. Wir zäunen das Grundstück ein, pflanzen eine Hecke und säen den Rasen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so hart gearbeitet hatte. An die Pflasterung und das Verlegen der Terrassenplatten traue ich mich aber nicht heran und lasse das machen. 
Jetzt mussten wir das Haus noch komplett neu einrichten und einen neuen Hausstand anschaffen. Vom Abfalleimer bis zur Zimmerpflanze…….ich hatte ja nichts mehr und dass Wenige, was Bärbel besaß, waren noch Relikte aus der Zeit von vor dem Mauerfall. Wenn es auch manchmal gehakt hat, die Häuser wurden termingerecht fertig, dadurch blieb ich für die nächste fünf Jahre steuerfrei.
Ich hatte die Mietverträge wegen der Spekulationssteuer, nach der ich die Objekte fünf Jahre in meinem Eigentum halten musste, auf fünf Jahre befristet. Wenn ich danach, bei einem Verkauf wenigstens meine Erstellungskosten erzielen konnte, hätte ich ein ganz ordentliches Geschäft gemacht. Für uns plante ich, nach wie vor, im nächsten Jahr ein freistehendes Haus auf dem anderen Grundstück zu errichten.

Zu Weihnachten  haben wir das Haus voll. Wir haben ja Platz genug und so kommt Bärbels ganze Familie. Ich spiele „Oskar der Familienvater“ und fühle mich dabei sauwohl….. Anfang Januar überrasche ich Bärbel mit zwei Wochen Urlaub in Kenia. Wir hatten in der letzten Zeit soviel Stress gehabt, dass ich meinte……wir müssen einfach mal raus. Außer Ostsee und Ungarn kannte sie ja noch nichts von der Welt und jetzt sollte es schon in einer Woche nach Ostafrika gehen. Ich hatte eine Lastminute Reise mit Glückshotel nördlich von Mombasa gebucht. Jetzt gab es doch noch einmal Stress…….Bärbel hatte keinen gültigen Pass und mir ihrem alten DDR – Pass konnten wir ja nicht fahren. Es gibt ja die Möglichkeit gegen Zahlung eines Aufpreises  das Passantragsverfahren zu beschleunigen. Und wir schafften es auch gerade so Lastminute…….unser Flieger ging Freitagabend und den Pass bekamen wir Freitagmittag…….puh das war knapp.
Das wir nach Kenia flogen und noch kein festes Hotel hatten, war ihr suspekt. Ich beruhigte sie aber, denn ich war ja schließlich schon mal nördlich von Mombasa gewesen und die Hotels, die ich so gesehen hatte, waren eigentlich ganz gut. In Mombasa angekommen, verfrachtete uns unsere Reiseleitung in einen VW-Bus und wir fuhren und fuhren und fuhren. Nach zwei Stunden kamen wir an einer eigentlich ganz hübschen Hotelanlage an, die im Stil eines afrikanischen Dorfes, am A…..der Welt, an einem Creek erbaut war. Die Rundhütten aus Lehm mit Palmenblättern gedeckt und ohne Klimaanlage, waren zwar ganz nett, aber ich gebe zu, es war nicht das, was ich erwartet hatte.  Jetzt erfuhr ich das erste Mal, wie zickig meine Partnerin sein konnte. Sie weigerte sich in so eine Hütte einzuziehen. Was kann ich da tun…..ich muss versuchen Kontakt zu unserer Reiseleitung aufzunehmen, um eventuell etwas Anderes zu bekommen. Der schwarze Manager des Hotels sieht das ganz locker und verspricht uns, dass er sich darum kümmern wolle.
Wir hatten einen Nachtflug hinter uns und dann noch der lange Transfer. Ich hätte gerne wenigstens mal geduscht aber……sie wollte nicht. Wir saßen in der Empfangshalle und sie schimpfte fast ununterbrochen. Als sich bis zum Mittagessen immer noch niemand gemeldet hatte, bekam ich sie wenigstens soweit mit ins Restaurant zu gehen. Das Buffet war reichlich und mit Blumen schön geschmückt und ihre schlechte Stimmung hellte sich ein wenig auf. Als wir nach dem Mittagessen immer noch nichts von unserer Reiseleitung gehört hatten, schlug ich ihr vor jetzt einfach einmal tief durchzuatmen und danach unseren Urlaub hier beginnen zu lassen.
Ich habe dann noch eine dreitägige Safari in den Tsavo – Park gebucht. Sie hat die „big five“ gesehen und  wir haben am Fuße des Kilimandscharo übernachtet. Doch ich konnte ihr, die doch noch nichts in ihrem Leben gesehen hatte, und eigentlich froh sein musste, solch eine Reise machen zu können, kaum etwas recht machen. Sie hatte ständig etwas zu meckern. Wenn ich nachts mal etwas näher rückte, war es zu warm, mal nachts im Mondenschein baden zu gehen, ging wegen der Krebse auch nicht und sowieso lag das Hotel ja an einem Creek und nicht direkt am Ozean. Ich hatte gedacht, dass Kommunistinnen anspruchsloser sind……. 

Als wir wieder nach Berlin kommen, liegt der größte Teil unserer Schiffe im Eis fest. Die Ostdeutschen Wasserstraßen frieren immer zuerst zu, also hat es uns voll erwischt. Die Schifffahrt war offiziell eingestellt. Um aber die Versorgung des Braunkohle- Kraftwerkes in Berlin sicherzustellen, hatten wir eine Sondergenehmigung und hielten mit unseren Eisbrechern die Gewässer von Königswusterhausen nach Berlin befahrbar. Auf dieser Strecke gab es keine Schleusen, sonst hätte das nicht funktioniert. Diese Transporte waren für vier Wochen unsere einzige Einnahmequelle und so hatten wir unseren Kontokorrent bald ausgeschöpft.  Im Frühjahr geht Herbert mit einem Investitionsprojekt über vierzig Millionen in den Markt. Er wollte die uns verbliebenen Motorschiffe modernisieren. Die Werften, mit denen er im Gespräch war, kannten unsere finanzielle Situation natürlich nicht und bemühten sich um diesen Großauftrag. Die Schiffe, um die es ging, hatten eine Tragfähigkeit von achthundert bis eintausendeinhundert Tonnen. Die Reedereien im Westen hatten die Schiffe dieser Größe längst abgestoßen und betrieben jetzt neue Schiffe, mit einer Tragfähigkeit von zwei bis dreitausend Tonnen. Und wir wollten in unsere alten Pötte noch Geld stecken…….Ich fing an, an seiner Kompetenz zu zweifeln und opponierte offen gegen ihn.  Dazu hatte sich inzwischen im Unternehmen ein Reisekader gebildet. Mit Herbert an der Spitze fuhr dieser nach New Orleans um sich die Schubschifffahrt auf dem Mississippi anzusehen. Weiterhin wurden die russischen Ströme bereist und alle  russischen Reedereidirektoren, nebst Verkehrsminister nach Berlin eingeladen. Ich spielte ja mittlerweile den Kontroller, hatte täglich unsere Zahlen auf meinem Tisch und pflückte sie auseinander. Unsere Spesenausgaben hatten eine Höhe erreicht, die ich nicht mehr gutheißen konnte. Das war für mich nicht nur ein Haar in der Suppe……nein, da schwamm eine ganze Perücke drin. Leider fand ich bei meinen Aufsichtsratskollegen keine ausreichende Unterstützung.
Sie waren zwar alle miteinander mit der Entwicklung des Unternehmens unzufrieden, aber es traute sich keiner unseren Geschäftsführer, der sich mittlerweile verselbstständigt hatte, offen zu kritisieren. Wir hatten das Unternehmen einmal für zehneinhalb Millionen gekauft. In den Kaufpreis waren drei Millionen Eigenkapital geflossen. Jetzt hatten wir fünfzig Millionen Verbindlichkeiten, weil wir uns alle größeren Instandhaltungen als Investitionen hatten finanzieren lassen und hatten damit die Beleihungsgrenze von sechzig Prozent des Firmenwertes erreicht. Mein Freund Karl rief mich jeden Sonntag an und ließ sich von mir über die neuesten Entwicklungen informieren aber offene Unterstützung bekam ich auch von ihm nicht. Herbert war es natürlich nicht unbemerkt geblieben, dass ich an seinem Stuhl sägte und hatte deshalb, um seine Position zu sichern, den ehemaligen Präsidenten des BDS, seinen früheren Chef, zum Aufsichtsratsvorsitzenden vorgeschlagen. Dieser war zwar, von seinem kaufmännischen Wissen her, nicht zu beanstanden, aber er war Bauunternehmer und hatte von Schifffahrt keinen blassen Schimmer.
Herbert verkaufte dem Aufsichtsrat den Neuen mit dem Argument, dass dieser über ausgezeichnete politische Verbindungen verfügte. Mein recht scharf vorgebrachter Einwand, dass wir uns primär um den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens zu kümmern hätten und uns dabei eine, wie auch immer gestaltete, politische Konnektion nicht helfen könnte, fand keine Mehrheit. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende wurde bestätigt. Mein Vorhaben, zunächst erst einmal einen zweiten Geschäftsführer einzustellen, der alleinverantwortlich die kaufmännischen Belange der Firma übernehmen sollte, war damit zum Scheitern verurteilt.  
Ich hatte dann irgendwann noch einmal ein Vieraugengespräch mit Herbert, dabei meinte er, dass ich keine Chance gegen ihn hätte, es hatten in seinem Leben schon andere vor mir versucht, ihn abzusägen und waren gescheitert. Ich sah das irgendwie auch ein……er war mir rhetorisch weit überlegen und er kam aus der Politik und da wird ja offensichtlich immer an irgendwelchen Stühlen gesägt. Wir beide waren schon vorher keine dicken Freunde aber jetzt waren wir Gegner. Ich kritisierte, dass er, obwohl er das Unternehmen als sein Eigentum betrachtete, nicht einmal Gesellschafter war. Wir alle waren ins Risiko gegangen und er hielt sich vornehm zurück. Das war meinen Kollegen gar nicht bekannt und ich erreichte, dass man ihm nahelegte dieses zu ändern. Sein Argument, dass es ihm finanziell nicht möglich gewesen wäre, sich zu beteiligen, macht ich ihm kaputt, in dem ich ihm den Spruch entgegenhielt: „Wer nicht für sich selber sorgen kann, kann auch nicht für andere sorgen“. Kurz und gut…….eine vernünftige Zusammenarbeit war zwischen uns kaum mehr möglich und so begann ich über meinen Ausstieg aus dem Unternehmen nachzudenken.

An dem Angebot, dass sich Herbert und seine engsten Freunde daraufhin für mich ausgedacht hatten, merkte ich, wie froh sie wären, wenn sie mich loswerden könnten.  Man schlug mir eine sechsstellige Abfindung vor und da man mir mein Anteil schlecht auch noch in bar auszahlen konnte, bot man mir an achtzehn Schiffe zu übernehmen, die an eine tschechische Firma verchartert waren. Ich war jetzt einundfünfzig und musste ja noch eine ganze Weile für unseren Lebensunterhalt sorgen. Dieses Angebot würde mir finanzielle und persönliche Unabhängigkeit bieten und innerlich hatte ich mich ja bereits von der Firma verabschiedet, also nahm ich das Angebot an……..

Meine Mutter war inzwischen zweiundsiebzig und lebte jetzt schon zehn Jahre alleine in ihrem Häuschen in Cuxhaven. Hatte ich gedacht, dass sie, nach dem frühen Tod meines Vaters, vielleicht noch einmal einen Partner finden würde, sah ich mich getäuscht, sie wollte keinen Mann mehr in ihr Leben lassen. So ungefähr einmal im Monat fuhr ich sie besuchen um sicher zu sein, dass sie alleine zurecht kam. Sie war Rheumatikerin und in der letzten Zeit gesundheitlich nicht mehr so auf der Höhe. Das Rheuma hatte ihre Gelenke verformt und so konnte sie sich, nur recht mühsam, mit Krücken fortbewegen. Für die Gartenarbeit bezahlte sie eine Hilfskraft und ein befreundetes Nachbarehepaar nahm sie mit zum Einkaufen. Wenn ich kam, putzte ich und erledigte auch kleine Reparaturen am Haus. Ein größeres Problem war ihr Küchenherd, der gleichzeitig das Haus heizte. Der wurde mit Öl beheizt und das lagerte in einem Tank im Schuppen. Das Befüllen des Herdes bekam sie  nicht mehr alleine hin, denn das Öl musste mittels einer Handpumpe in eine Kanne gepumpt und dann in den Herd eingefüllt werden. Das hatte bisher ihr Nachbar übernommen, der war aber auch schon achtzig. Ich war der Sohn und fühlte mich natürlich verpflichtet dieses Problem zu lösen…..
Für meinen neuen Schifffahrtsbetrieb war es nicht notwendig, dass ich in Berlin blieb, den konnte ich aus jeder Ecke des Landes betreiben…….warum dann nicht von Cuxhaven aus. Also musste ich wieder einmal Überzeugungsarbeit leisten. Bärbel war von meiner Idee überhaupt nicht begeistert. Aber was sollte sie machen? Ich hatte meinen Entschluss gefasst und obwohl man den Ostfrauen nachsagt, dass sie sehr emanzipiert wären, gab sie nach…….hat letztlich doch das Kapital gesiegt??? Allerdings forderte sie, dass unser neues Zuhause ausreichend Platz bieten sollte, um Ihre Familie, wenn sie uns dann besuchen wollte, unterzubringen. Ok. das sehe ich ein. Wir fuhren also nach Cuxhaven und suchten das passende Haus für uns. Und wir wurden auch recht schnell fündig. An diesem Haus passte eigentlich alles. Sechs Zimmer, zwei Bäder, Küche und eine Einliegerwohnung. Zusammen zweihundertachtzig Quadratmeter Wohnfläche auf einem eintausendsechshundert Quadratmeter großen Grundstück. Das Haus lag am Ende einer kleinen Wohnstraße neben Wiesen und Feldern und trotzdem war das Zentrum fußläufig in fünfzehn Minuten zu erreichen. Wir wurden uns auch irgendwann nach zähen Verhandlungen über den Preis einig. Mein Vorteil war, dass der Eigentümer, ein Arzt, bereits ein neues Wohnhaus mit Praxis baute und die Käuferschicht für so eine große Immobilie in Cuxhaven recht dünn gesät ist. Wir vereinbarten die Übergabe zum 01.11.1996. Das passte mir eigentlich auch ganz gut, denn die Schiffe wollte ich zum 01.01.1997 übernehmen.

Wie immer, wenn bei mir größere Veränderungen anstanden, plane ich auch dieses Mal einen ausgiebigen Urlaub. Bärbel und ich sind uns einig, es soll nach Südostasien gehen. Ich liebe die asiatische Küche und da auch ich noch nie in Thailand war, buchen wir drei Tage, vier Nächte, Bangkok und im Anschluss eine Rundreise durch die Mitte und den Norden des Landes. Danach wollen wir noch ein paar Tage in der Sonne relaxen und baden gehen. Das aber nicht in Pattaya……..ich hatte Bärbel erzählt, dass man seine  eigene Frau dorthin nicht mitnehmen darf, denn das hieße ja Eulen nach Athen tragen……… sondern ich möchte sie auf die Trauminsel Bali entführen. Mitte August geht es los. Jana und Marco machen bei uns housekeeping. Sie haben eine kleine Wohnung in der Innenstadt und haben nichts dagegen im Hochsommer mal einige Zeit in unserem Haus auf dem Lande zu verbringen…….  Wir fliegen nach Bangkok und weil ich ja die Probleme mit meiner Kommunistin wegen der Unterbringung auf unserer Afrikareise noch im Kopf hatte, buchte ich dieses Mal nur Spitzenhotels. Wir erkundeten diese quirlige Großstadt mit dem Tuc Tuc und hatten dabei mehr als einmal das Gefühl, unser letztes Stündlein hätte geschlagen. Aber es ist, um abseits des Zentrums noch etwas Ursprüngliches zu sehen, das optimale Gefährt.  Natürlich durfte ein Besuch der drei berühmtesten Tempel dieser Stadt nicht fehlen. Zuerst ging es zum Wat Traimit der auch als Tempel des Goldenen Buddha bekannt ist und dessen drei Meter hohe Statue aus purem Gold ist. Sie wiegt fünfeinhalb Tonnen und ist ein gutes Beispiel für den Kunststil Sukhothai. Danach sind wir dann durch Chinatown zum Wat Pho, der Tempel des liegenden Buddhas gelaufen. Mit sechsundvierzig Metern Länge und fünfzehn Metern Höhe ist dieser Buddha der Größte in ganz Bangkok. Er veranschaulicht den Weg Buddhas ins Nirwana. Als drittes haben wir uns dann noch den Wat Benchamabophit, den Marmortempel angesehen. Dieses wundervolle Klostergebäude wurde im späten 19. Jahrhundert aus weißem, italienischem Marmor aus Carrara errichtet. Es ist schon beeindruckend, welche Kunstschätze der Buddhismus hier in Thailand hervorgebracht hat. 
Ein weiteres Muss ist natürlich der Besuch der schwimmenden Märkte von Damnoen Saduak, mit einem motorisierten Langboot über die Canal Grande-Wasserstraßen ab Bangkok. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit brettern diese Boote durch die uralten Kanäle, die im 19. Jahrhundert von Thailands König Rama IV errichtet wurden. Aus nächster Nähe konnten wir beobachten, wie die Händler aus ihren Booten regionale Produkte wie Fleisch, frische Früchte und frisches Gemüse aber auch traditionelle Süßigkeiten und Souvenirs verkauften. Wir konnten auch selber am Geschehen teilnehmen und etwas erwerben, was man eigentlich nicht braucht. Aber…..die Atmosphäre dieser quirligen, lebendigen Märkte und die Einblicke in das alltägliche Leben in Thailand.......das war schon was. 
An unserem letzten Tag in Bangkok mussten wir früh aufstehen denn wir machten einen Ausflug in den Khao-Yai-Nationalpark, der sich etwa einhundertfünfundsiebzig Kilometer nordöstlich von Bangkok befindet. Er gehört zu den wenigen noch intakten Monsunwäldern Asiens. Khao Yai beherbergt über einhundertfünfzig verschiedene Tierarten und Vögel, darunter etwa dreihundert wilde Elefanten und die vom Aussterben bedrohten asiatischen Schwarzbären, Tiger, Leoparden und Muntjaks, eine asiatische Hirschart. Als wir ein Stückchen zu Fuß durch den Dschungel und über eine abenteuerliche Hängebrücke zu dem beeindruckenden dreistufigen Wasserfall Haew Narok wanderten, kam bei Bärbel mal wieder die Zicke zutage. Wir können doch nicht durch den Urwald laufen, wenn es um uns herum von Wildtieren und Schlangen nur so wimmelt. Auch mit meinem Hinweis, dass ich für solche Fälle immer mein Löwenmesser (Schweizer Offiziersmesser), dabei habe, konnte ich sie nicht so richtig beruhigen.
Das Highlight des Tages sollte eigentlich ein fünfundvierzig minütiger Ausflug auf dem Rücken eines Elefanten werden. Der entpuppte sich dann aber als Flop, denn in dem Korb, in dem wir rechts und links am Elefanten hängend saßen, wurde ihr schlecht…..ein romantisches Abendessen auf einer Dschunke auf dem Chao Phraya Fluss in Bangkok hat dann aber alles wieder eingerenkt. 
Daach geht es los, wir starten zu unserer siebentägige Nordthailandrundreise, die uns dieses Land etwas näher bringen soll. Ich hoffe, dass die Hotels unterwegs einigermaßen gut sind, denn eine Auswahl war hier nicht gegeben……. ich musste die Tour so nehmen, wie sie angeboten war. Aber schon der sehr komfortable Reisebus lässt hoffen, dass der Veranstalter sich bemüht hat und ich nicht wieder, wie in Sri Lanka, als Mechaniker einspringen muss. Zunächst geht es nach Kanchanaburi, an die weltberühmte Brücke am Kwai, über die die sogenannte Todesbahn (Death Railway) führte. Diese Bahnlinie, von Bangkok nach Burma wurde während der Besetzung Thailands durch die Japaner zwischen Juni 1942 und Oktober 1943 zur Versorgung ihrer Truppen erbaut. Zu deren Bau wurden überwiegend britische, australische, niederländische und amerikanische Kriegsgefangene eingesetzt. Von zweihundertvierzigtausend Soldaten und Arbeitern, kamen dabei etwa neunzigtausend ums Leben. Es war für uns schon sehr beklemmend, den Ort dieser grauenvollen Geschichte zu besuchen.
Unsere nächste Etappe führte uns nach Ayutthaya, der ehemaligen Hauptstadt Siams, die 1767 von den Burmesen zerstört wurde. Hier sind die riesige Bronzestatue im Mongkol Borpith Tempel und die drei historischen Pagoden im Wat Srisanpetch sehenswert. Im Anschluss fahren wir  nach Lopburi, mit seinem berühmten Affentempel. In und um diesem Tempel leben eine Unmenge von Affen, die hier verehrt werden…….und genauso verhalten sie sich auch. Sie klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist und so mancher Fotoapparat und was man auch sonst nicht gut festgehalten hat, ist schon im Tempel verschwunden.  Am nächsten Tag erreichen wir nachmittags Phitsanulok und besichtigen die Tempelanlage Wat Maha Dhat mit ihrer bedeutenden, im 13. Jahrhundert gegossenen Buddha-Statue. Danach geht es weiter nach Sukhothai, der ehemaligen Hauptstadt des alten Königreichs. Wir spazieren durch den historischen Park und bewundern die zahlreiche Tempel, Skulpturen und Stuckarbeiten. Westlich der alten Stadt stößt man auf die Überreste des Königstempels Wat Sri Chum mit seiner elf Meter hohen, sitzenden Buddha-Statue. Am Nachmittag erreichen wir Lampang und besichtigen den Wat Lampang Luang mit seinem Smaragdbuddha, der hier hoch verehrt wird. Jetzt haben wir so langsam die Nase voll vom Wat (t) laufen und genießen unseren Feierabenddrink und die  Übernachtung in der Lampang-River-Lodge.  
Über Phayao und Chiang Rai führt uns der Weg zur nördlichsten Stadt Thailands an die burmesische Grenze, nach Mae Sai. Hier werden Schmuggelwaren und Fakes aller bekannten Marken von Gucci über Versace bis Rolex aus Myanmar (Burma) und dessen nördlichem Nachbarland China angeboten. Zum Abschluss des Tages besuchen wir das berüchtigte „Goldene Dreieck", wo die Grenzen von Thailand, Laos und Myanmar am Mekong-Fluss zusammentreffen und machen eine Bootsfahrt mit einem Longboot auf dem Mekong. Irgendwie ist mir dieser Fluss auch nicht so recht geheuer, offensichtlich denke ich dabei, an die schrecklichen Kriege, die in der Vergangenheit an seinen Ufern und auf ihm geführt worden sind.

Der Schlafmohnanbau im Goldenen Dreieck geht auf die Einwanderung der verschiedenen Ethnien aus China zurück. Er hat bei diesen Bergvölkern eine lange Tradition. Besonders ältere Leute rauchten und rauchen Opium als in der Gesellschaft akzeptiertes Genussmittel. Bei den Hmong ist Opium auch schon immer zum Handel erzeugt worden, anfänglich nur für den chinesischen Markt. Später kauften die Franzosen während ihrer Kolonialherrschaft in Indochina den Hmong Opium in großen Mengen ab. Seinen notorischen Ruf als Hochburg der Opium- und Heroinherstellung erlangte das Goldene Dreieck während des Vietnamkriegs, als einerseits der Absatzmarkt für Rauschgift sprunghaft anstieg und andererseits Gelder aus dem Drogenhandel von der CIA zur Finanzierung verbündeter Armeen, z. B. Hmong-Armee in Laos, verwendet wurden. Die Rauschgiftproduktion stieg aber auch nach dem Ende des Vietnamkriegs bis Ende der achtziger Jahre weiter an, eine Folge der verstärkten Nachfrage im Westen.
Die Regierungen der Staaten um das Goldene Dreieck gehen auf verschiedene Weise und mit unterschiedlicher Schärfe gegen den Mohnanbau vor. In Thailand ist der Anbau illegal und das Land hat ihn in seinen Nordprovinzen weitestgehend eindämmen können. Dazu beigetragen haben vor allem der Tourismus, der den Bergvölkern neue Einnahmequellen erschlossen hat (Trecking, Kunsthandwerk), und die gezielte Förderung von Tee- und KaffeeAnbau (z. B. in Mae Salong). Parallel dazu ist der thailändische Norden mit neuen Straßen und Flugplätzen erschlossen worden, was Polizei und Militär nun eine viel bessere Kontrolle über die Gegend erlaubt. Im wesentlich ärmeren Laos trifft man im Norden sehr viel häufiger auf Einheimische mit Opiumpfeife. Das Land versucht allerdings ebenso den Tourismus anzukurbeln und kann dabei einige Erfolge aufweisen. In Hotels, Wats, Restaurants, Trekking- und Tour-Agenturen finden ausländische Besucher Hinweise zum Kontakt mit den Bergvölkern, die neben verschiedenen anderen Verhaltensmaßregeln auch dazu auffordern, auf gar keinen Fall selber Opium zu rauchen, da der Effekt besonders auf die einheimische Jugend desaströs ist. Diese Bemühungen der Nachbarstaaten führten somit dazu, dass inzwischen Myanmar der größte Opiumerzeuger des Goldenen Dreiecks wurde.

Nach einer weiteren Übernachtung geht die Fahrt über Wiang Pa Pao in Richtung Chiang Mai, auch die „Rose des Nordens" genannt. Hier besichtigen wir den letzten, aber nicht minder eindrucksvollen Tempel unserer Nordthailandtour  auf dem Berg Doi Suthep und genießen den weiten Blick über die Stadt. Der Besuch eines urtümlichen Dorfes des aus Südchina abstammenden Meo-Bergstammes rundet diesen Tag ab. Den Abend haben wir frei und deshalb gehen wir zum Abendessen ins Hofbräuhaus und lassen uns, .als ein besonderes Erlebnis am goldenen Dreieck, von Thais in Lederhosen und mit Gamsbarthüten, bayrisches Bier, Sauerkraut, Knödel und Nürnberger Bratwürstel servieren. Das hat doch was oder? 
Von Chiang Mai fliegen wir wieder zurück nach Bangkok und am nächsten Tag geht es endlich in Urlaub…….auf  nach Bali.  Schon beim Anflug auf die Insel der Götter, Geister und Vulkane begrüßt uns der Gunung Agung mit über dreitausendeinhundert Metern zählt er zu den fünf höchsten Vulkanen Indonesiens. Es heißt, die Geister der Ahnen sind auf ihm zu Hause und auch die hinduistische Gottheit Shiva wohne hier.  Ein großer Teil des religiösen Lebens auf Bali richtet sich nach dem Berg aus. Der Legende nach ist der Agung entstanden, als der hinduistische Gott Pasupati den Berg Meru (die spirituelle Achse des Universums) zerteilte und aus einem Splitter den Agung schuf. Deswegen wird der Berg als das Zentrum der Welt gesehen. Dementsprechend bedeutend ist auch der wichtigste hinduistische Tempel Balis, Pura Besakih, auf neunhundert Metern Höhe am südwestlichen Hang…….hier werden der Berg und die Ahnen wie  Götter verehrt.  Der letzte Ausbruch im März 1963 kam sehr überraschend, denn eigentlich glaubte man damals, dass der Vulkan erloschen sei. Die Eruptionen setzten insgesamt sieben Millionen Tonnen Schwefeldioxid frei. Die Lava und Asche zerstörte mehrere Dörfer, dabei wurden etwa zweitausend Menschen getötet und sechshundertfünfzig verletzt. Wie durch ein Wunder blieb der Muttertempel Besakih am Hang des Vulkans verschont, was als göttliches Zeichen gewertet wurde. Aus religiöser Sicht ging man davon aus, dass eine falsch berechnete Terminierung des alle hundert Jahre stattfindenden Eka Dasa Rudra Festes die Götter zum Vulkanausbruch provoziert hatte.

Wir sind im „The Ritz Carlton“ in Nusa Dua untergekommen. Eigentlich müsste ich sagen: „Wir residieren im Ritz Carlton“. Das Hotel ist ein Traum und das luxuriöseste und mit einem Sonderpreis von fünfhundertfünfzig Mark für das Doppelzimmer incl. Halbpension pro Nacht, auch das teuerste, dass ich mir bisher geleistet hatte. Das Haus liegt auf einer Klippe über dem Meer. Die großzügige und sehr gepflegte Anlage in Form eines Wassergartens lässt keine Wünsche offen. Ein direkt an den Rand der Klippe gebauter Pool lässt den Eindruck entstehen, dass man von hier einfach ins offene Meer schwimmen könnte. Ein weiterer Pool wurde für alle, denen eine Wassertemperatur von dreißig Grad zu warm war, auf zweiundzwanzig Grad heruntergekühlt und überall laufen Bedienstet im Sarong herum und bieten gekühlte Erfrischungstücher an.
Mit einem gläsernen Fahrstuhl, mit tollem Ausblick auf das Meer, konnte man zum Hotelstrand herunterfahren. Auf halber Höhe war in die Klippe eine Bar mit einer Terrasse gebaut, von der aus man abends bei Gambelanmusik die Sonnenuntergänge genießen konnte. Natürlich war auch die Verpflegung diesem Spitzenhaus angemessen. Wenn wir morgens unser Frühstück auf Stegen, die in den Wassergarten gebaut waren, einnahmen, schwammen direkt zu unseren Füßen Goldfische, die auf unsere Brötchenreste warteten. Die Buffets waren wunderschön dekoriert und bogen sich von der Fülle der Köstlichkeiten der asiatischen Küche.
Aber man kann ja nicht den ganzen Tag mit vollem Bauch in der Sonne liegen und Drinks zu sich nehmen. Nach drei / vier Tagen wurde es langweilig und wir wollten uns gerne die Insel ansehen. Bali gilt als die westlichste der Kleinen Sundainseln und ist vom westlich gelegenen Java durch die zweieinhalb Kilometer breite Bali - Straße getrennt. Bali liegt im Indischen Ozean zwischen Java und Lombok. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt fünfundneunzig Kilometer und von seiner Westspitze bis zur Ostspitze sind es einhundertfünfundvierzig Kilometer. Diese Größe ist überschaubar und deshalb entschließen wir uns eine private Sightseeingtour zu organisieren. Für einhundertfünfzig Dollar pro Tag mieteten wir ein Auto mit einem deutschsprechenden Guide und konnten so in zwei Tagen, ohne Terminstress, die Insel auf eigene Faust entdecken.
Ich glaube jeder hat schon irgendwo im Film oder Fernsehen einmal die grünen bewässerten Reisterrassen gesehen. Sie prägen die Landschaft von Bali. Die Umgebung von Ubud ist besonders bekannt für seine Reisfelder. Vor allem an Bergen ziehen sich die Becken in Stufen den Hang hinauf. Die Reisterrassen sind ein bauliches Meisterwerk und werden seit eh und je von Hand angelegt.  Man begann, die Hänge für den Reisanbau zu nutzen weil die Ebenen zumeist besiedelt sind. Die Becken werden aus gestampfter Erde und Gradwurzeln angelegt und dann mit Wasser gefüllt. Befestigt werden sie durch Dämme und Stützmauern. Das Bewässerungssystem ist ausgeklügelt und ideal für den Nassreis. Das Wasser aus Quellen im Berg wird über Kanäle und Leitungen (oft aus Bambus) über die verschiedenen Ebenen der Terrassen geführt. Die Verteilung des Wassers wird durch Öffnen und Schließen der Kanäle mit der Schaufel gelenkt. Die Bedingungen auf Bali sind für den Reis perfekt. Durch das feuchtwarme Klima mit ausreichend Wärme und Niederschlag und dem fruchtbaren vulkanische Boden kann der Reis drei Mal im Jahr geerntet werden…… 

Eigentlich hatten ich ja bereits in Thailand gesagt, dass ich genug vom Wat (Tempel) laufen hatte. Aber auf Bali, das Land der tausend Tempel,  herrscht ja der Hinduismus vor und es gibt hier keine Wat sondern Puras. Es soll hier auf der Insel weitaus mehr als zwanzigtausend Tempel geben. Wir haben es leider nicht geschafft, alle zu besichtigen, aber die Wichtigsten schon. 
Der Tanah Lot befindet sich im Südwesten von Bali und ist einer der sechs wichtigsten Nationaltempel sowie zugleich die beste und meistbesuchte Touristenattraktion auf Bali. Er liegt auf einer kleinen Felseninsel direkt an der Küste am Meer. Tanah Lot bedeutet: „Tempel der Erde im Meer“. Einzigartig ist, dass er nur bei Ebbe näher besichtigt werden kann.  Der Pura Ulun Danu Bratan gehört zu den schönsten und beliebtesten Attraktionen von Bali. Er liegt direkt am Bratan-See mit einer einzigartigen Landschaft an den Ortschaften Bedugul und Candi Kuning. Dieser Tempel wurde im 17. Jahrhundert erbaut und ist den Göttern Shiva, Brahma und Vishnu gewidmet. Da er direkt am Ufer liegt, ist er somit ein Wassertempel und er besitzt fünf meditierende Buddhas. Diese zeugen von der Harmonie zwischen den beiden Religionen Hinduismus und Buddhismus. Der Pura Taman Ayunist, ebenfalls einer der schönsten Tempel auf ganz Bali, ist eine liebevoll angelegte Kultstätte und mit einem Wassergraben umrundet welcher das Meer symbolisieren soll. Übersetzt bedeutet der Name so viel wie „Tempel des schwimmenden Gartens“. Erbaut wurde er vom Prinzregenten Gusti Agung Anon Putra-Raja von Mengwi. Man kann sich hier über fünfzig schöne Schreine, einer davon sogar elfstöckig, ansehen.   Der Pura Besakih  ist der größte und heiligste hinduistische Heiligtum und wird daher auch liebevoll "Muttertempel" genannt. Die Tempelanlage wurde im achten Jahrhundert erbaut und ist neben dem Tanah Lot das meist besuchte Heiligtum auf der Insel Bali.
Der Pura Uluwatu zählt zu den sechs wichtigsten Tempeln auf Bali, und er ist auch einer der am Schönsten gelegenen. Auf der Halbinsel Bukit ganz im Süden der Insel liegt er spektakulär auf einer siebzig Meter hohen Felsklippe über dem Meer. Er ist vor allem bekannt und für die dort lebenden Affen und die großartigen Sonnenuntergänge. Es heißt, an dieser Stelle auf dem Stein über dem Meer habe der hinduistische Priester Dang Hyang Nirarta den spirituellen Zustand der “moska” erreicht. Deswegen wurde hier, vermutlich im elften Jahrhundert, Pura Uluwatu gebaut. Die Tempelanlage soll den Süden Balis vor den Dämonen aus dem Meer beschützen. Im Tempel leben Makkaken, die ihre Scheu vor Menschen komplett verloren haben. Sie klauen gerne Taschen, Kameras, Sonnenbrillen, Haargummis oder Schmuck. Wenn sie etwas entwendet haben, kann man versuchen es gegen ein Stück Frucht zurückzutauschen. Das klappt aber erstens nicht immer und zweitens hat es den ungewollten Nebeneffekt dass der Rücktausch die Affen ermutigt noch mehr zu klauen. Einheimische bieten sich oft an, den Rücktausch gegen ein Trinkgeld zu übernehmen. „Ein Narr ist, der Böses dabei denkt“….. 

Der hinduistische Pura Goa Lawah ist direkt vor einer Fledermaushöhle an der Ostküste Balis gebaut. Hinter dem Altar schwirren tausende von Fledermäusen. Außerdem heißt es, würden in der Höhle Pythonschlangen leben, die sich von den Fledermäusen ernähren. Die Tiere, die in einem Tempel leben sind heilig, kein Gläubiger würde ihnen etwas tun. In diesem Tempel, der nach dem balinesischen Wort für Fledermaus “Lawah” benannt ist, werden viele Zeremonien und Prozessionen abgehalten.  Der Tempel ist einer der neun Reichstempel und wurde dem Gott Maheswara geweiht. Im Todestempel finden auch regelmäßig Verbrennungsrituale statt. Die Asche des Verstorbenen wird von einem Priester geweiht und kann danach im Meer bestattet werden. An den Schreinen vor dem Höhleneingang können die Gläubigen Opfergaben bringen und beten. Die Fledermaushöhle selber ist heilig, niemand darf sie betreten. Dementsprechend ist auch nicht wirklich bekannt, wie tief sie ist. Auf Bali glaubt man, dass sie viele Kilometer in den Berg hinein geht und einen zweiten Ausgang im Pura Besakih am heiligen Berg Agung hat. Dadurch wäre die Höhle eine Verbindung zur Unterwelt. Außerdem leben der Legende nach die beiden heiligen Riesenschlangen Naga Basuki und Antaboga, welche die Welt verwalten, im Inneren der Höhle. Der Pura Goa Lawah soll schon im Jahr 1007 von Empu Kuturan gegründet worden sein. Im 17. Jahrhundert gab es Streit um die Nachfolge des Königs. Um zu beweisen, dass er der rechtmäßige Thronfolger ist, bot Gusti Ketut Agung an, durch die Höhle zu gehen. Wenn er lebendig wieder herauskäme wäre das der Beweis, dass er der rechtmäßige König sei. Er überlebte den Gang durch die Höhle und wurde König von Klungkung 

Der Palast von Klungkung ist eine historische Anlage in der Stadt Semarapura. Von der ehemaligen königlichen Residenz sind nicht mehr viele Gebäude übrig, sie wurde während der Eroberung durch die Niederländer 1908 zerstört. Sehenswert waren der Garten mit den Wasserbassins, die viele Statuen, und die bekannte königliche Gerichtshalle Kerta Gosa. Das Königreich Klungkung zählte zu den wichtigsten von Balis neun Königreichen seit dem 17. Jahrhundert. Ab 1710 residierte hier fast zweihundert Jahre lang der ranghöchste Raja. Der Palast wurde damals in einer quadratischen Form gebaut mit einer Seitenlänge von einhundertfünfzig Metern. Eine Besonderheit innerhalb der Palastmauern ist der schwimmende Pavilion Balie Kambing. Zum Ende des 18. Jahrhunderts war Klungkung bekannt für Malerei, Musik und Tanz die von den lokalen Fürstenhäusern unterstützt wurden. Zu dieser Zeit entstand die Halle der Gerechtigkeit Kerta Gosa im Nordosten des Palast-Areals. Das Gebäude ist an den Seiten offen, wie viele Gebäude auf Bali. Die Decke ist komplett mit vielen verschiedenen Motiven und Szenen bemalt, der Malereistil ist typisch für das damalige Klungkung. Die grausamen Bilder der Decke zeigen vorgesehene harte Strafen und teils gewalttätige Verletzungen. Angeklagte, die hier vor das Gericht traten, wurden damit eingeschüchtert. In der Gerichtshalle tagte Balis oberstes Gericht. Normalerweise wurden Streitigkeiten innerhalb der Familie oder der Dorfgemeinschaft geregelt. Alle Fälle, die dort nicht gelöst werden konnten, kamen vor das hohe Gericht. Es war für seine Strenge gefürchtet, drei Priester sprachen harte und oft unmenschliche Urteile. Deswegen taten die Menschen damals alles, um Streitigkeiten untereinander zu lösen und möglichst nicht vor Gericht zu landen……… 
Ubud ist das Zentrum der balinesischen Handwerkskunst und hier gibt es Vorführungen von Gamelan. Die traditionelle Bali Musik wird überall und zu jedem Anlass gespielt. Die Gamelan Musik besteht bereits seit rund 1500 Jahren. Gamelan kann mit „anfassen“ übersetzt werden. Die Musik wird in kleinen und großen Gruppen oder Orchestern gespielt und begleitet Zeremonien, Feste, Prozessionen, Tänze und Theaterdarbietungen. Fast jedes Dorf hat ein eigenes Orchester, wobei die Instrumente Eigentum der Gemeinschaft sind. Zu den Instrumenten gehören unter anderem Blechintstrumente wie Klangschalen, Trommeln und Gongs. Ebenso zählen Xylophone, Flöten und Angklungs dazu. Ein Orchester besteht nicht nur aus den Musikern, sondern auch aus Tänzern und Sängern. Die Gamelan Musik wird nicht nach Noten, sondern improvisiert gespielt. Die Lehrer geben ihren Schülern die Techniken mündlich weiter. Auch balinesische Tänze, die fast alle einen religiösen Hintergrund haben und Zeremonien und Rituale begleiten, werden den Touristen hier nähergebracht.  Es gibt zum Beispiel Trancetänze, bei denen sich die Tänzer durch eine Atemtechnik in Trance versetzen. Dazu zählt der Kecak, bei denen Männer mit bloßem Oberkörper tänzerisch Geschichten erzählen. Der Kecak Tanz findet eigentlich nur nachts statt, wobei Fackeln für Licht sorgen. Der Tanz wirkt sehr wild. Die Tänzer umringen die Armee von Hanuman, dem Affengott, wobei die Armee von schwarz-weiß gekleideten Männern dargestellt wird. Der Ruf Ke cak wird dabei monoton gehalten und die Tänzer versetzen sich in eine Trance und laufen danach über glühende Kohlen. Ein anderer Tanz, den wir dort zu sehen bekamen, ist der Barong, bei dem es sich um ein Tanzdrama handelt. Dieser Bali Tanz stellt das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse her. Barong steht als Figur für das Gute und diese Figur wird von zwei männlichen Tänzern dargestellt, die Löwenmasken tragen. Diese beiden Männer kämpfen gegen das Böse, die als Hexe Rangda verkörpert wird. Der Kampf und somit auch der Tanz endet unentschieden, denn die Lebensweisheit sagt aus, dass Gut und Böse zusammengehören. Ein besonders anmutiger Tanz ist der Legong, der ausschließlich von Mädchen getanzt werden darf, die rein sind. Mit diesem Tanz sollen die Götter verehrt und erfreut werden. Die Mädchen werden geschminkt und geschmückt, sodass sie wie Prinzessinnen aussehen. Die Tänzerinnen fangen bereits mit fünf Jahren an, die komplizierten Schrittfolgen und Fingerbewegungen zu trainieren. 
Wir waren beeindruckt von dieser uns so fremden Kultur und nur aus diesem Grund hat sich unser Besuch auf Bali gelohnt. Zum Baden, für weißen Sand, (nicht immer) gutem Wetter und schönen Hotels, muss man nicht um die halbe Welt reisen. Nach einer Heimreise von vierundzwanzig Stunden (wieder über Bangkok) hat uns der Alltag wieder. Jetzt wartet eine neue, spannende Aufgabe auf mich, die mich hoffentlich erfüllt……..

Wir übernehmen das Haus in Cuxhaven, wie geplant, am ersten November und ich lasse es komplett renovieren. Von der Einliegerwohnung schaffen wir für Mutter einen rollstuhlgerechten Durchgang zu unserem Wohnbereich. Die Küche funktionieren wir um, denn essen soll sie mit uns. Sie hat dadurch zwei geräumige Zimmer und ein schönes Bad. Von ihrem Wohnzimmer hat sie auch Zugang zur Terrasse. Den Garten lasse ich von einem jungen Gartenbauarchitekten, der gerade sein Studium beendet hatte, völlig umgestalten. Mein Garten ist sein erster Auftrag und aus unserem Obstgarten zaubert er eine wunderschöne kleine Parkanlage mit einem Koiteich. Zu Weihnachten wollen wir eingezogen sein und dann mit allen groß feiern. Es klappt auch alles, wie geplant. Ende November 96 ist das Haus bezugsfertig und ein paar Tage später steht schon der Möbelwagen aus Altlandsberg vor unserer Tür. Ich hatte auch bereits neuen Mieter für meine dortige Haushälfte gefunden, die wollten gerne Anfang Dezember übernehmen…….dass passte haargenau.
Zwei Wochen später zog Mutter auch bei uns ein. Man sagt zwar, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen soll, aber ich glaube, sie fand ihr neues Domizil schon ganz ok. Sie war ja auch nicht aus der Welt denn wenn sie ihre Freunde sehen wollte, war es ja für mich kein Problem, sie mal schnell irgendwo hinzufahren.
Im Dezember hatte ich dann noch einmal richtig viel zu tun. Ich gründete mein neues Schifffahrtsunternehmen, eine Einzelfirma, mit Sitz in Cuxhaven. In unserem Wohnhaus hatte ich mir ein schönes Büro eingerichtet, von dem aus ich jetzt die Geschicke der Firma leiten wollte. Danach fuhr ich nach Berlin und schloss mit der DBR die Kaufverträge über die Schiffe ab. Noch vor Weihnachten traf ich mich dann mit den Inhabern der Prager Firma, die die Schiffe von der DBR gechartert hatte, um mit ihnen neue Verträge, auf meine Firma lautend, abzuschließen. Damit hatte ich eigentlich alles Wesentliche erledigt……ab jetzt hatte ich viel Zeit für mich und meine Familie. Mit den Schiffen hatte ich kaum etwas zu tun denn die Charterverträge sahen vor, dass der Charterer sämtliche Pflichten eines Schiffseigners übernehmen musste. Das heißt, Wartung, Pflege, Reparaturen und Instandhaltung hatte er auf seine Rechnung zu veranlassen. Ich musste eigentlich nur eine Charterrechnung im Monat schreiben, meine Buchhaltung erledigen und mich, wenn nötig, um die Versicherungstechnischen Dinge kümmern, da die Schiffe über mich versichert waren.

Weihnachten haben wir dann unser Haus komplett voll. Ich musste sogar noch einen Teil der Mischpoke außerhalb unterbringen. Meine Tochter Michelle ist mit ihrem Ernesto gekommen. Sie haben sich in den letzten Jahren auch sehr gut entwickelt. Ihren Plan sich selbstständig zu machen, hatten sie nach Schwerin aufgegeben. Er ist mittlerweile Verkaufsleiter eines bekannten Herrenausstatters und sie sitzt im Management eines großen Reiseveranstalters.  Bärbels Familie ist mit dem Sonderzug aus Pankow angereist. Jana ist inzwischen schwanger……das „housekeeping“ in der frischen Landluft hat da offensichtlich Wirkung gezeigt. Da Janas Mutter, die sich mit meiner Mutter sehr gut versteht, mitgekommen ist, können sich die Beiden, wenn es ihnen bei uns zu laut wird, in Mutters Gemächer zurückziehen. Dieses Weihnachtsfest ist glaube ich mein schönstes gewesen, Ich, so als unangefochtener Patriarch einer großen Familie……da könnte ich mich dran gewöhnen, leider bin ich hundert Jahre zu spät geboren…… 

Anfang Januar bekomme ich meine erste Charterrate…….wenn das so weiter geht und  nichts Außergewöhnliches passiert, kann ich gar nicht mehr verhindern, dass ich reich werde. Aber, wie heißt es doch noch mal? Wenn es dem Esel zu gut geht………. 


Kapitel 8 
Wer zu hoch hinaus will kann tief fallen

1996 - 2006
Was mache ich mit unserer Oma Ihrem kleinen Häuschen? Es ist Ende des vorigen Jahrhunderts gebaut, hat nur cirka achtzig Quadratmeter Wohnfläche, keinen Keller und so niedrige Decken, dass ich mit dem Kopf an die Deckenbalken anstoße. So etwas lässt sich kaum noch vermieten. Allerdings steht es auf einem tausend Quadratmeter großen Grundstück etwa dreihundert Meter vom Strand entfernt.
In diesem Kurteil gibt es etliche Appartementhäuser mit Ferienwohnungen für Kurgäste. Die Grundstückspreise in Strandnähe liegen bei über zweihundert Mark für den Quadratmeter. Für Cuxhavener Verhältnisse astronomisch. Man müsste das Haus abreißen und das Grundstück verkaufen. Es ist ja sicher verlockend, einfach mal so eben zwei - bis zweihundertfünfzigtausend Mark einzustreichen aber irgendwie habe ich Skrupel, mir fällt da das Zitatat aus Goethes Faust ein: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“.
Was würde ein Käufer mit dem Grundstück anfangen? In solch einer exponierten Lage, vermutlich würde er Ferienwohnungen bauen……..und was Andere können, muss ich doch auch können…….. Also fange ich an, mich intensiv mit der Materie Fremdenverkehr an der Nordsee zu beschäftigen. Cuxhaven hat rund fünfzigtausend Einwohner und auf die kommen über drei Millionen Übernachtungen im Jahr. Das ist eine ungeheuere Zahl, im Vergleich hatte Hamburg zu der Zeit acht Millionen Übernachtungen bei anderthalb Millionen Einwohnern. Von dem Kuchen müsste ich doch etwas abbekommen können. Ich hatte zwar vom Tourismusgeschäft keine Ahnung, aber ich war doch weit gereist und da könnte ich bestimmt die eine oder andere Erfahrung in das Metier einbringen.

Mein Plan war, eine Immobilien GmbH zu gründen, die uns das Grundstück abkauft, das Objekt erstellt und später auch verwaltet. Eine Hälfte der Wohnungen sollte fremd verkauft werden und die andere Hälfte wollte ich behalten.
Als Erstes erkundige ich beim Bauamt, ob ich eine Genehmigung zum Abriss erhalten würde und was ich danach dort erstellen dürfte. Möglich war ein zweieinhalbgeschossiges Objekt, mit etwa sechshundert Quadratmetern Wohnfläche und…….da das Grundstück nicht groß genug war…..entsprechend der Anzahl der Wohnungen, die ich bauen wollte, Stellplätze in einer Tiefgarage.
Danach unterhielt ich mich mit einem Architekten über die Baukosten. Da der Baugrund, so dicht am Strand, aus ehemals Meeresboden bestand, mussten, um die Tragfähigkeit zu gewährleisten, vierzig zwölf Meter lange Betonpfähle in den Boden gerammt  und die erforderliche Tiefgarage in einer „weißen Wanne“ (wasserdicht) gebaut werden. Das trieb die Baukosten natürlich erheblich in die Höhe. Ich musste für zwölf Wohnungen, inklusive Einrichtung mit etwa zweieinhalb Millionen Mark rechnen…….das ist schon eine stolze Summe.  Um bei solch einer Investitionssumme eine Rendite zu erzielen, brauchte ich nach meiner Kalkulation, eine Auslastung von Minimum einhundertsechzig Tagen im Jahr. Das ist zwar bei einer Saisondauer von etwa zweihundert Tagen schwer, aber machbar. Ich hatte ja in meiner Berliner Zeit vielen Existenzgründern beratend zur Seite gestanden und daher war es für mich kein Problem, mein Projekt so aufzuarbeiten, dass ich damit bei Banken vorsprechen konnte. Und ich hatte Erfolg…….ich bekam eine Finanzierungszusage.

Als Mutters altes Häuschen, dass einem Teil meiner Familie seit ungefähr siebzig Jahren Heimat gewesen war, so einfach zusammengeschoben wurde, hatte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen. Beim Entrümpeln hatte ich auf dem Dachboden noch ein paar tausend Reichsmark gefunden, die Tante Mieze dort offenbar versteckt hatte und die dann dort vergessen wurden……
Mir war vor Jahren in Hochdorf einmal ähnliches passiert…… Als wir in Urlaub fahren wollten, hatten wir noch dreitausend Mark Bargeld im Haus, die wir nicht auf die Bank bringen wollten. Also musste ich sie verstecken. Ich verteilte sie im Wohnzimmer unter dem Teppich. Kurz vor unserer Abreise fiel mir aber ein, dass wenn jemand bei uns einbricht, er vielleicht auch unseren echten Teppich klaut und dabei das Geld findet. Kurzerhand suchte ich ein anderes Versteck. Als wir von der Reise zurückkamen, wusste ich nicht mehr, wo ich es versteckt hatte. Ich suchte das ganze Haus immer wieder vom Keller bis unters Dach ab und fand es nicht wieder. Etwa ein Jahr später wollten wir unseren Garderobeschrank im Flur durch einen Einbauschrank ersetzen. Dazu räumte ich den Schrank aus und fand in einem alten Paar Laufschuhe von mir…….das längst schon vergessene Geld……

Meine Idee war, dass das der Neubau einen gehobenen Standard bekommen sollte denn ich beabsichtigte  das erste Viersterne - Appartementhaus in Cuxhaven in den Markt zu bringen. Zu dem Architekten, den ich beauftragte, hatte ich zunächst ein gutes Verhältnis. Seine Planung fand meine vollste Zustimmung. Ich wollte das Haus „Villa Döser Strand“ nennen  und wie eine große moderne Villa, mit viel Glass würde es auch aussehen. Auf zwei Etagen sollten jeweils fünf Wohnungen mit fünfzig bis siebzig Quadratmetern und im Dachgeschoss zwei sehr schöne DG – Wohnungen mit großen Gauben entstehen. Weiterhin ein großer Saunabereich mit Solarium und einer, nach Süden ausgerichteten Dachterrasse, sowie ein   Hauswirtschaftsraum und ein Wäschelager.
Der Architekt schrieb die Gewerke aus. Die Ergebnisse legte er mir vor, und unterstützte mich bei der Auswahl der Handwerksbetriebe, die er ja kannte. Das günstigste Angebot für den Rohbau kam allerdings von einem großen Bauunternehmen aus Stade, mit dem er wohl noch nicht gearbeitet hatte. Ich war aber trotzdem der Meinung, dass diese Firma, die sich sehr gut präsentierte, den Zuschlag bekommen sollte. Ein paar Tage später teilte mir der Architekt mit, dass in dem Angebot aus Stade eine Position fehlen würde, aber ein ihm bekannter Cuxhavener Unternehmer  komplett und dann noch günstiger angeboten hatte. Ich verließ mich auf seine Empfehlung und der Ärger war damit vorprogrammiert….. Ich war einfach noch zu naiv.
Das Architektenhonorar für mein Objekt betrug weit über hunderttausend Mark, dass erschien mir eigentlich ausreichend. Dass sich aber die  meisten Architekten bei der Vergabe noch schmieren lassen, wusste ich nicht. So ist dann, wie ich später erfahren habe, dieser Deal mit einer Firma, für die dieser Auftrag eigentlich eine Nummer zu groß war, zustande gekommen.   Sonst aber war ja schon ein wenig bauerfahren und so war ich jeden Tag auf der Baustelle anzutreffen. Was ich dort an Pfusch aufdeckte, passte auf keine Kuhhaut. Meinen Architekt, der für die Bauüberwachung zusätzlich weitere vierzigtausend Mark bekommen sollte, habe ich kaum gesehen. Ich bin es ja gewohnt, meine Meinung nicht hinter dem Berg zu halten und so kehrte sich unser gutes Verhältnis langsam um.

Für die Wohnungen, die ich verkaufen wollte, fanden sich auch einige Interessenten. Es gab ja vor der Euroeinführung viele betuchte Bürger, die dem Euro kritisch gegenüber standen und ins Betongold flüchteten. Allerdings bekam ich so meine Bedenken, ob die Idee ein halbes Haus zu privatisieren und die andere Hälfte an Feriengäste zu vermieten, wirklich so gut war. Dem Haus einen einheitlichen Standard zu geben, würde sich, mit mehreren Eigentümern nur schwer durchhalten lassen. Es gab da unterschiedliche Interessen. Die einen wollten gar nicht vermieten, sondern selber nutzen und andere wiederum nur zeitweise. Da würden sich mit Sicherheit Interessenskonflikte auftun. Also gab ich diese Idee wieder auf, weil ich mir nicht wieder von anderen in mein Geschäft hineinreden lassen wollte……
Meine GmbH hatte mir das Grundstück für zweihundertfünfzigtausend Mark abgekauft. Ich verfügte also über eine gute Liquidität. Eines Tages stellt mir Marco, voller Enthusiasmus, seine Geschäftsidee vor. Er möchte gerne ein Internetkaffee eröffnen, in dem er gleichzeitig mit Computern und Zubehör handeln will. Dazu möchte er noch eine kleine Werkstatt einrichten, in der seine jungen Kunden unter Anleitung, gegen eine Gebühr, selber an ihren Computern rumschrauben können. Ich habe zwar keine Ahnung von Computern, finde aber seine Idee gut. Im Gegensatz zu den großen Elektronikmärkten, in denen eine Beratung kaum stattfindet, hat er mit diesem Konzept vielfältige Möglichkeiten Kunden an sich zu binden. Seine Idee beruht auf mehreren Säulen, denn er hat ja zusätzlich noch die Möglichkeit  Gastronomie- Umsätze zu generieren…… Er hatte sich bereits umgesehen und etwas abseits vom Zentrum von Hellersdorf, umgeben von vielen Plattenbauten, ein geeignetes Mietobjekt gefunden. Verhältnismäßig günstig und mit vierhundert Quadratmetern groß genug um seine Ideen zu verwirklichen. Nach seiner Schätzung würde er für die Geschäftsaustattung und einen Anfangs- Warenbestand etwa einhundertachtzigtausend Mark benötigen…….
Ein Porschechassis als Fahrsimulator, einen runden Tisch mit zwanzig PC´s an dem die Nutzer gegeneinander spielen konnten……..er hatte tausend Ideen das Geschäft für seine Kunden attraktiv zu gestalten und steckte mich mit seiner Begeisterung an. Kurzerhand sage ich ihm meine Unterstützung zu. Ich erkläre mich bereit, mich als stiller Teilhaber mit fünfzig Prozent an den Gesamtkosten zu beteiligen. Da er ja über kein Eigenkapital verfügt, soll er sich die anderen fünfzig Prozent von einer Bank finanzieren lassen. Ich lasse wieder meine Erfahrungen einfließen und wir erstellen einen Businessplan mit Ertragsvorschau. Ich traue es Marco zu, sich um die Finanzierung alleine zu kümmern, aber er hat keinen Erfolg. Also fahre ich nach Berlin und wir versuchen es gemeinsam. Wir finden auch eine Bank, die bereit ist, einzusteigen, allerdings soll ich auch für den Bankkredit bürgen. Das ärgert mich maßlos. Ich finanziere sowieso schon fünfzig Prozent und soll der Bank noch das Risiko für die anderen fünfzig Prozent abnehmen…….wie blöd muss ich da sein? Da kann ich auch gleich die ganze Finanzierung übernehmen. Das tue ich dann auch…….

Mein Neubau schreitet voran, ich mache aber auch Druck denn ich will im Dezember in die Vermietung gehen. Zum Jahreswechsel gibt es viele Gäste an der Nordsee…..da möchte ich welche von abhaben und schalte schon bundesweit Inserate mit entsprechenden Angeboten. Gäste, die im Winter kommen und zufrieden waren, kommen auch zu anderen Jahreszeiten und so ein Haus lebt von Stammgästen und einer Mund zu Mund Propaganda.
Mit meinem Architekten habe ich immer mehr Probleme. Der Installateur, der mir dreitausendfünfhundert Mark Planungskosten in Rechnung gestellt hat, hält sich nicht an seine Planung. Die Trockenbauer verkleiden die Rohrleitungen und weil die sich auch nicht an die vorgegeben Maße halten, bekommen wir in den Badezimmern Probleme mit den Türen. Das habe aber ich und nicht mein Architekt festgestellt. Die Änderungen, die jetzt vorgenommen werden müssen, soll ich extra bezahlen…….mir platzt der Kragen und ich rate ihm, weil er auch künstlerisch aktiv ist, sich seinem Hobby ganz zu widmen. An einem Bau gäbe es nicht soviel künstlerischen Gestaltungsspielraum, deswegen sollte er das Bauen aufgeben……..und füge hinzu dass, wenn er Schiffe bauen müsste, keines schwimmen würde.

In meiner Nachbarschaft wohnte ein Bauingenieur mit seiner Familie. Wir hatten uns schon ein bisschen angefreundet und ich bat ihn mal hin und wieder ein Blick auf mein Objekt zu werfen. Ich war während der Ausbauphase sowieso fast den ganzen Tag auf der Baustelle und übernahm die Bauleitung. Meinen Architekten sah ich kaum und als ich seine vorletzte Abschlagsrechnung bekam, behielt ich das Geld erst einmal ein.
Ein ganzes Haus mit Sauna, Solarium und zwölf Wohnungen komplett und termingerecht einzurichten ist schon eine Aufgabe. Ich hatte im November schon Buchungen für acht Appartements ab dem zwanzigsten Dezember bis teilweise „Heilige drei Könige“ und konnte es mir nicht leisten, die Gäste in eine Vier Sterne Baustelle ziehen zu lassen……..

Die Berliner waren inzwischen auch sehr fleißig gewesen. Marco und Jana hatten mit Marco´s Schwester und ihrem Lebensgefährten die gesamte Renovierung komplett selbst gemacht. Bei der Einrichtung hatte er sich allerdings ziemlich verschätzt und benötigte weitere vierzigtausend Mark. Was sollte ich machen, wer A sagt, muss auch B sagen und so bewilligte ich sie ihm zähneknirschend, weil bei meinem Bau absehbar war, dass ich durch mein Verhandlungsgeschick, die mir bewilligten Mittel nicht ausschöpfen würde.
Natürlich fahren wir zur Geschäftseröffnung von Marcos „Joy Net“ nach Berlin. Ok es war ja nun einiges teuerer geworden, als geplant aber Chapeau…….er hatte da schon etwas hingestellt. Er hatte zwanzig Computerplätze für Surfer und Chatter eingerichtet, inmitten des runden Tisches eine überlebensgroße Godzillafigur platziert und der Porsche wartete, frisch lackiert, auf die Rennfahrer. Es gab eine kleine Küche, einen netten Gastrobereich und vorne am Eingang einen hellen Verkaufsraum. Zur Eröffnung hatte er eine Menge Werbung gemacht und als Highlight zwei bekannte Schauspieler aus der Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ eingeladen. Das führte dazu, dass der Andrang so groß war, dass ich ein kleines Mädchen auf meine Schultern nehmen musste, damit sie nicht erdrückt wurde. Der Anfang war gemacht und der sah sehr vielversprechend aus…..

Weniger vielversprechend hingegen lief mein Schifffahrtsunternehmen. Die Tschechen bezahlten ihre Charterrate nicht. Nachdem ich zweimal gemahnt hatte und immer noch nichts passiert war, trafen wir uns auf halber Strecke, in Magdeburg. Sie berichteten mir von einem kurzfristigen Engpass weil einer ihrer Auftraggeber fällige Frachtraten nicht bezahlt hätte. Daraufhin räumte ich ihnen eine Zahlungsfrist von weiteren vier Wochen ein.
In Magdeburg hat die, mittlerweile auch privatisierte, ehemalige tschechische Staatsreederei eine Niederlassung. Den Niederlassungsleiter Alex kenne ich aus meiner Zeit bei der DBR sehr gut. Weil ich schon mal da bin, fahre ich bei ihm zu einem kleinen Erfahrungsaustausch vorbei. Er ist Tscheche und kennt den tschechischen Markt genau. Er berichtete mir, dass die Firma, die meine Schiffe gechartert hat, wohl kurz vor dem Konkurs stand. Die Elbe hatte schon seit einigen Wochen einen sehr niedrigen Wasserstand, so dass die Schiffe nur noch mit fünfundzwanzig bis dreißig Prozent ihrer Kapazität ausgelastet werden konnten. Das bereitete der gesamten Elbeschifffahrt große Probleme. Selbstfahrende Unternehmer können sich so einer Situation besser anpassen. Sie reduzieren einfach ihre Eigenentnahme und meistens reicht das aus. Firmen hingegen haben die erheblich höhere Personalkosten und dazu noch einen gewissen Verwaltungsapparat zu finanzieren. Im Falle meiner Charterer, finanzierten sich die zwei Inhaber, so mein Bekannter, aus den ohnehin nicht ausreichenden Frachteinnahmen noch ihren, offensichtlich aufwendigen Lebensstiel. Ich musste also mit dem Schlimmsten rechnen. Dann erzählte er mir noch, dass er in Kürze arbeitslos sei, weil seine Firma die Magdeburger Niederlassung schließen wollte.
Ich musste mir ja, für den Fall dass meine Charterer wirklich pleite machten etwas zu meinen Schiffen einfallen lassen. ……und mir fiel was ein. Die Schiffe waren ja jetzt mit tschechischen Personalen besetzt. Die würden dann ja auch arbeitslos werden. Ich schlug ihm also vor, eine Firma zu gründen, die Personale einzustellen und an mich zu vermieten. Gleichzeitig sollte er im Raum Oberelbe und Tschechien die Befrachtung gegen Provision übernehmen. Die Befrachtung im Westen und in Benelux könnte ich selber darstellen, da ich in diesem Fahrtgebiet gute Kontakte habe.

Es kam dann auch so, wie vermutet…….meine Charterer meldeten Konkurs an und machten sich aus dem Staub. Ich musste schnell handeln. Die Schiffe, teilweise beladen in Holland und auf den westdeutschen Kanälen, lagen plötzlich still. Die Besatzungen hatten keinen Lohn bekommen und wollten nach Hause fahren.  Jetzt war ich froh, dass ich mit Alex dieses Szenario bereits durchgesprochen hatte. Wir konnten deshalb, nach kurzer Unterbrechung, weiterfahren.
Zwei Schubverbände vermietete ich zu guten Konditionen an die DBR und mit den Motorschiffen verfuhren wir, wie geplant. Bei der Rücknahme begutachtete ich jedes Fahrzeug sorgfältig und musste feststellen, dass zwischenzeitlich an allen Schiffen ein erheblicher Reparaturstau aufgelaufen war. Ich würde also in der nächsten Zeit kaum Gewinne machen können…….im Gegenteil, ich musste sie beleihen, um die anstehenden Reparaturen bezahlen zu können. Dass mit meinem reich werden, wurde dadurch dann doch erst einmal verhindert.

Meine „Villa Döser Strand“ war so gut wie fertig. Ich habe einen Experten beauftragt, die Mängel an dem Objekt aufzulisten und zu bewerten. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ich Forderungen von insgesamt weit über einhunderttausend Mark geltend machen kann. Der überwiegende Teil der Mängel hätte bei einer fachgerechten Überwachung der Bauarbeiten durch meinen Architekten verhindert werden können. Ich hatte ja bereits einen Teil seines Honorars einbehalten. Dagegen hatte er  Klage eingereicht. Da aber der einbehaltene Betrag zur Beseitigung der Mängel bei Weitem nicht ausreichte, verklagte ich nun den Architekten. Bis ich dann letztendlich zu meinem Recht kam, dauerte es fast vier Jahre. Soviel zum Pfusch am Bau……..aber diese Erfahrung sollte sich einige Jahre später noch einmal bestätigen……
Um die Hochwertigkeit des Hauses zu unterstreichen, wollte ich es auch gerne hochwertig dekorieren und nicht, wie an der See üblich, überall ein paar Drucke von Leuchttürmen, Muscheln oder ähnlichen Küstenmotiven aufhängen. Nun gibt es In Cuxhaven ein Künstlerhaus, in dem zu dieser Zeit eine polnische Malerin und ein ukrainischer Maler mit einem Stipendium der Stadt lebten und arbeiteten. Anatol malte abstrakt aber in einer Farbenpracht, die mir gefiel und die sehr gut in eine moderne Villa passte. Dazu hatte er noch einige Akte geschaffen, die ich mir gut in meinem Saunabereich vorstellen konnte….. Anna malte gegenständlich und hatte hier in Cuxhaven eine ganze Reihe maritimer Motive geschaffen. In ihrem Atelier bewahrten sie zusammen an die hundert Bilder auf. Ihr diesjähriges  Stipendium lief in Kürze aus, aber sie hatten schon eine erneute Zusage für das kommende Jahr. Um bei der Heimreise keine Schwierigkeiten mit ihrem Zoll zu bekommen, wollten sie ihre Bilder zunächst einmal gerne in Cuxhaven belassen. Ich schlug ihnen vor, ihnen ein paar Bilder abzukaufen und ihre restlichen Exponate in meinem Haus auszustellen und, wenn möglich, auch zu verkaufen. Im kommenden Jahr würde ich dann für sie eine Vernissage organisieren. Sie waren sehr glücklich über meinen Vorschlag. Jetzt hatte ich meine hochwertige Dekoration……..und wurde auch noch Kunsthändler. Über einen Mangel an Arbeit konnte ich mich jetzt wirklich nicht mehr beklagen. Ich musste mich um die Gäste der „Villa“ kümmern, weil Bärbel sich das nicht zutraute. Dann noch Ladung für die Schiffe besorgen, Reparaturen in Auftrag geben und überwachen…….kurz und gut ich hatte kaum noch eine ruhige Minute.
Dazu kam dass einige der tschechischen Personale nicht zuverlässig waren. Die Wasserschutzpolizei legte Schiffe kurzfristig still, weil die Besatzungen alkoholisiert waren. Oder mich rief am Freitag  Mittag der Kapitän eines Schubverbandes an, er könne nicht weiterfahren, weil er irgend etwas in der Schiffsschraube hatte. Ich schickte sofort einen Taucher hin, der fand aber nichts……die Leute hatten gedacht, dass sie mit dieser Finte ein freies Wochenende herausschinden konnten.

Um etwas mehr Ruhe in meinen Schifffahrtsbetrieb zu bekommen, beauftragte ich Alex ein paar zuverlässige Kapitäne aufzutreiben, denen ich Motorschiffe vermieten wollte. Alex sollte die Mieter dann vertraglich an sich binden und sie weiterhin befrachten. Im westlichen Fahrtgebiet würde ich nur noch eingreifen, wenn er meine Verbindungen benötigte. In dieser Variante hätte ich über ihn, wenn nötig, auch Zugriff auf die Frachteinnahmen der Mieter, so dass mein Risiko nicht allzu groß war. So nach und nach bekamen wir das auch hin und ich wurde wieder etwas entlastet. Das musste auch sein, denn die Auslastung der „Villa“ entwickelte sich recht gut. Ich butterte zwar wegen der hohen Werbekosten noch zu, aber ich war guter Hoffnung in zwei bis drei Jahren schwarze Zahlen zu schreiben.
Ich war zwischenzeitlich voll im Metier und ärgerte mich über das Konstrukt des  Cuxhavener Tourismus. Es gab für jeden der elf Kurteile eine Tourismus GmbH, natürlich mir je einem Geschäftsführer. Diese vermittelten die Quartiere aus ihrem Einzugsgebiet. Da die GmbH´s nicht vernetzt waren, gab es zwischen ihnen erhebliche Reibungsverluste, weil sie die Gäste meistens nicht weiterleiteten, wenn sie nichts mehr frei hatten. Ich hatte der für Döse zuständigen GmbH mein Haus auch zur Verfügung gestellt und bekam das mehrfach mit, weil Gäste mir dieses erzählten. Nachdem ich bei persönlichen Gesprächen nichts erreicht hatte (wer rationalisiert sich schon gerne selber weg), setzte ich daraufhin einen offenen Brief in die Cuxhavener Nachrichten, in dem ich diese unhaltbaren Zustände anprangerte.  Prompt wurde ich eingeladen und man wollte mich wohl einschüchtern, denn ich saß vor den Abgesandten wie vor einem Tribunal. Als erstes bekam ich zu hören: Dat mokt wi all foftig Johr so (das machen wir schon seit fünfzig Jahren so) und nun käme einer, der eigentlich keine Ahnung hat und will das alles ändern. Wir diskutierten heiß und am Ende wählte man mich in den Vorstand des Verkehrsvereins Döse.........
Nach einem knappen Jahr waren die Verkehrsvereine nur noch Vereine, sie hatten ihre Vermittlungstätigkeit an die neugegründete CUX – Tourismus GmbH, deren Gesellschafter sie nun waren, abgegeben und ich saß im Aufsichtsrat. Aus dieser Funktion ergab sich dann noch, dass ich gleichzeitig in den Aufsichtsrat des Stadtmarketing Cuxhaven gewählt wurde.......so kommt man zu Posten.
Die Stadt bemühte sich, Standort des Tiefwasserhafens zu werden. Die immer größer werdenden Containerschiffe, kamen mit Tiefgängen, an die die Fahrwasser nach Bremerhaven und Hamburg ständig angepasst werden mussten. Man erkannte das Problem und plante an der Nordseeküste, um diese Riesenpötte abfertigen zu können, einen Hafen am seeschifftiefen Wasser. Cuxhaven liegt am seeschifftiefen Wasser und für mich gab es (und gibt es noch heute) aus logistischen Gründen zu Cuxhaven keine Alternative. Bei den vielen Podiumsdiskussionen wurde ich deshalb gerne als Fachmann für Seehafenhinterlandverkehre eingeladen. Leider konnte ich, obwohl ich mich leidenschaftlich für meine Heimatstadt eingesetzt hatte, die politische Fehlentscheidung zu Gunsten von Wilhelmshaven (nach wie vor, ein Millionengrab) nicht mehr verhindern…….ich war zwei – drei Jahre zu spät gekommen. All diese Aktivitäten führten dazu, dass ich einen großen Bekanntenkreis hatte, zu dem viele wichtige Leute meiner Stadt gehörten……..und ich war weder in meinem Element.

Nur Bärbel war nicht zufrieden. Wir hatten des Öfteren Streit, weil sie sich nicht ausgelastet fühlte und als meine Freundin, sozial nicht abgesichert war. Sie wollte gerne, dass ich sie als Buchhalterin mit einem Gehalt, durch das ihre Rente abgesichert wäre, beschäftigte. Ich wollte sowieso eine Buchhalterin einstellen und stimmte dem zu. Sehr schnell merkte ich aber, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Ich stellte daraufhin eine fremde Buchhalterin ein. Das führte natürlich zu noch mehr Streit. Als mein Steuerberater eine Buchhalterin suchte, bewarb sie sich, ich glaube nur um mir zu beweisen, dass ich ihre Fähigkeiten völlig falsch eingeschätzt hatte…….sie hat aber ihre Probezeit nicht überstanden, nach vier Wochen war sie wieder zu Hause. 
Jetzt kam sie auf die Idee, Schriftstellerin werden zu wollen und belegte einen Fernkurs. Ich fand ihre Idee gut. Aus ihrem Leben als Kommunistin in der DDR und ihren Erfahrungen die sie durch mich über den Kapitalismus gesammelt hatte, ließe sich bestimmt einiges erzählen. Sie kam aber auch hierbei nicht so richtig voran. Um ehrlich zu sein, war das Ganze ein Satz mit x……….es blieb bei dem Versuch.

Jana ist eine sehr kluge Frau und hat schon so manchmal ihre Probleme mit Ihrem Jungunternehmer. Sie rief mich des Öfteren an, weil  sie Marcos Art der Geschäftsführung kritisierte, sich aber bei ihm nicht durchsetzen konnte. Er vertrat die Meinung, er müsste preislich mit den großen Elektronikmärkten mithalten. Sie machte die Buchhaltung und erkannte, dass sie so auf keinen grünen Zweig kämen. Ich hatte ihm bisher größtmögliche Freiheit gelassen denn  schließlich war ich ja  „stiller Teilhaber“. Aber auch ich erkannte nun, dass ich ihm etwas mehr auf die Finger gucken musste, denn von Kalkulation verstand er so gut wie gar nichts. Also fuhren wir in Abständen nach Berlin damit ich mich informieren und ihm, wenn nötig, den Kopf waschen konnte.

Im Mai 97 wollen Bärbel und ich ein paar Tage in Urlaub fahren aber vorher noch mal in Berlin vorbeischauen denn……wir bekommen Familienzuwachs. Jana erwartet jeden Tag ihr Kind und wir wollen es uns nicht nehmen lassen, den neuen Erdenbürger zu begrüßen. Als ich im Krankenhaus die kleine Laura, mein Stiefenkelkind, im Arm halte, denke ich an den Tag, vor fast zweiunddreißig Jahren, als meine Tochter geboren wurde…….jetzt ist eine neue Generation hinzugekommen, über die so ein Patriarch zu wachen hat. Zu meinem großen Bedauern hatten Michelle und Ernesto beschlossen, mich nicht zum Großvater zu machen, also muss dafür jetzt meine neue Familie herhalten……
Bärbels Sicherheitsbedürfnis war immer noch nicht gelöst. Ich hatte sie zwar noch auf der Lohnliste, damit sie ausreichend versichert war, aber das war ja auch keine dauerhafte Lösung.  Nach gut dreijähriger Partnerschaft, kannte ich ihre Macken (sie hatte einige), aber auch ihre guten Seiten. Ich war mit jetzt Mitte fünfzig, und der Meinung, dass wir ruhig heiraten könnten. Damit wären ihre Probleme gelöst und sie würde sicher auch wieder ausgeglichener werden…….. Wir feierten eine richtig große Hochzeit. Die Trauung und das Mittagessen mit vierzig Gästen im Schloss. Für den Nachmittag hatte ich ein Schiff gechartert das uns mit hundert Gästen und der Hochzeitstorte zu den Seehundsbänken brachte. Für die Party am Abend hatte ich ein großes Zelt im Garten aufstellen lassen und unsere Lieblingsband, eine Irish Volk Band, verpflichtet. Es wurde ein rauschendes Fest und mit irischen Trink – und Seemannsliedern, blieb kein Auge trocken. Abends um elf brach ein Unwetter über uns herein. Ich schickte die Frauen und Kinder ins Haus und wir Männer in Smoking und dunklen Anzügen, sicherten das Zelt………diese Ehe nahm ja einen stürmischen Anfang……..

Nicht weit von der „Villa“ gab es eine kleine Wäscherei, die für uns die Handtücher, Bademäntel und Bettwäsche wusch. Die Inhaber, ein älteres Ehepaar, hatten sich in Ihrem Leben mit dieser Wäscherei ein Wohnhaus in Cuxhaven und ein Weiteres in Spanien zusammengewaschen. Die Winter verbrachten sie in Spanien. In der Zeit betrieben die Tochter und der Sohn das Geschäft nebenberuflich alleine. Außerhalb der Saison war es ja um Einiges ruhiger. Wenn ich meine Wäsche angab, klönten wir über dies und das und eines Tages erzählte mir die Inhaberin, dass sie ihr Geschäft aufgeben wollten um  sich zur Ruhe zu setzen. Die Kinder hatten kein Interesse es weiterzuführen aber ich hatte mal wiederum eine Idee……Bärbels Tochter Lara lebte mit ihrem Lebensgefährten Andreas und Tochter in Marzahn.
Er, ohne eine Berufsaubildung, war arbeitslos und sie, gelernte Friseuse, jobbte stundenweise in einer Bäckerei. Damit und der Sozialhilfe kamen sie gerade so über die Runden. Sie waren mittlerweile verheiratet. Ich war zwar mit meinem Stiefschwiegersohn nicht so ganz einverstanden (eigentlich überhaupt nicht), habe aber die Hochzeit dann letztlich doch bezahlt…….was sollte ich tun? Bärbel meinte dass man sich unter Sozialisten hilft. Nun sind Wäschewaschen und Mangeln ja nicht gerade anspruchsvolle Arbeiten, aber das wäre doch eine Chance für die Beiden ihren Lebensstandard um Einiges zu verbessern. Und Bärbel könnte ich damit bestimmt glücklich machen, wenn es mir gelänge, ihre Tochter nebst Anhang nach Cuxhaven zu ziehen. Sie hängt nämlich sehr an ihrer Tochter und ihrer Enkelin.
Die Inhaber der Wäscherei waren ganz glücklich darüber, ihren Betrieb vielleicht doch noch verkaufen zu können und waren gerne bereit mich  ihre Geschäftsunterlagen einsehen zu lassen. Das sah alles ganz ordentlich aus und die beiden Berliner waren, nachdem ich ihnen zugesagt hatte, ihre Existenzgründung zu begleiten, Feuer und Flamme.
Zu dem Betrieb gehörte ein kleines älteres Wohnhaus das zwar renovierungsbedürftig war, aber den Dreien ausreichend Platz bot. Ich trennte den Kaufpreis, in einen gewerblichen und einen nicht gewerblichen Teil und wir ließen uns den gewerblichen Teil über ein Existenzgründungs- und das Wohnhaus über ein Hypothekendarlehen finanzieren.  Nun hatte ich meine ganze Familie gut versorgt. Nur hatte ich gedacht, dass meine Frau jetzt umgänglicher würde, sah ich mich getäuscht. Im Gegenteil……sie hing jetzt den ganzen Tag in der Wäscherei rum und wenn sie mit mir Krach hatte, blieb sie dort auch über Nacht. Und da wir immer öfter aneinandergerieten, war sie manchmal tagelang nicht da und um meine Mutter kümmerte sie sich überhaupt nicht mehr.
Das war dann der Anfang vom Ende……nach nur einem halben Jahr Ehe verließ sie mich. Es war Paradox, ihre Tochter war nun in Cuxhaven und sie fuhr wieder zurück nach Berlin. Sie stand ja bei mir auf der Lohnliste und bekam, um dem Finanzamt zu genügen, von mir regelmäßig ein Gehalt auf ihr Konto überwiesen, ohne dass sie etwas dafür tun musste. Eigentlich wäre das ja unser gemeinsames Geld gewesen. Das sah sie aber anders und zog mit vierzigtausend Mark von dannen. Ich habe noch einmal versucht, sie zurückzuholen aber das war vergebliche Liebesmüh´ und am Ende war ich dann doch ganz froh…….es war nämlich insgesamt doch sehr stressig mit ihr…….

Zu meinen Künstlern hatte ich einen freundschaftlichen Kontakt aufgebaut. Obwohl die Beiden fünfundzwanzig Jahre trennten, lebten sie inzwischen als Paar zusammen. Wie ich  ihnen versprochen hatte, organisierte ich für sie eine Vernissage in der „Villa“ und später noch verschiedene andere Ausstellungen. Ich hatte in der Zwischenzeit auch ein paar Bilder verkaufen können und beanspruchte keine Provision, sondern ließ mir dafür Bilder schenken.  Anatol  war recht rührig und so gehörte er in der Ukraine zu den zehn bekanntesten Malern. Um die Vernissage zum Erfolg zu führen, hatten wir den ukrainischen Generalkonsul Jurij…….aus Hamburg eingeladen. Der wurde auch von unserem Bürgermeister empfangen und so bekamen wir natürlich einen ausführlichen Bericht in der hiesigen Presse. Wir verkauften dann auch in diesem Jahr Bilder für über dreißigtausend Mark…….für einen Ukrainer, bei denen das jährliche Durchschnittseinkommen bei nicht einmal fünftausend Mark liegt, ein tolles Ergebnis.
Anatol hatte seine Nichte, Anastasia, als Au pair Mädchen in Cuxhaven untergebracht und sie auch zur Vernissage eingeladen. Sie kam und brachte ihre Freundin  Emilia mit, die hier auch als Au pair Mädchen arbeitete. Ich unterhielt mich mal kurz mit den Beiden, hatte aber sonst keinen weiteren Kontakt zu ihnen. Anfang Dezember, die Mädels waren schon wieder zu Hause, rief mich Anatol aus Kiew an und erzählte mir, dass seine Nichte noch gerne einen weiterführenden Sprachkurs belegen würde und ob ich bei der Unterbringung behilflich sein könnte. Natürlich konnte ich, denn ich hatte ja in der „Villa“ im Winter Platz genug.  Auch als ich erfuhr, dass sie zu zweit kommen wollten, hatte ich damit kein Problem. Ich schrieb die entsprechenden Einladungen, die sie für ihr Visum brauchten und verpflichtete mich darin, jegliche Kosten, die entstehen konnten, zu  übernehmen.  Ende Januar kamen die Beiden an und ich brachte sie in der „Villa“ unter. Als Ausgleich für die kostenfreie Unterbringung erwartete ich, dass sie den Winterdienst vor dem Haus, wenn nötig, übernehmen sollten und überließ sie ihrem Schicksal. Ich hatte ihnen allerdings noch mitgegeben, dass sie das Appartement maximal bis Ostern haben könnten, denn ab dann musste ich damit ja wieder Geld verdienen.
Eines Tages……es hatte stark geschneit und ich hatte ein paar Gäste im Haus, bin ich rübergefahren um mal zu sehen, ob die Mädels mit dem Winterdienst zurechtkamen. Es musste, wenn Gäste im Haus waren, ja auch die Rampe zur Tiefgarage geräumt werden. Als ich ankam und die beiden halben Portionen mit dem Schnee kämpfen sah, habe ich natürlich mit angepackt. Als wir fertig waren, haben sie mich zum Tee eingeladen und wir quatschten ein bisschen miteinander. Dabei hörte ich raus, dass sie wohl so ziemlich pleite waren. Sie hatten sich vorgestellt, dass sie sich mit putzen über Wasser halten konnten…… nur im Winter, außerhalb der Saison gibt es hier kaum etwas zu tun. Obwohl sie mir erzählten, dass sie abnehmen wollten, regte sich kein Widerstand, als ich sie mit zum Discounter nahm und der Einkaufswagen am Ende randvoll war.  An jetzt kümmerte ich mich regelmäßig um die Beiden. Ich ging mit ihnen einkaufen, lud sie zum Essen ein und……..wir haben in Cuxhaven eine kleine Clubdisco, deren Inhaber ich gut kannte……..dorthin gingen wir am Wochenende tanzen. Es war eine sehr lustige Zeit. Wenn ich mit meinen beiden jungen Schönen loszog, habe ich mit Sicherheit einige Männer in meinem Alter neidisch werden lassen. Ich will ja nicht sagen, dass die weiblichen Reize der Beiden mich unbeeindruckt ließen. Ich hatte aber nicht vor, mir eine so jungen Frau an Land zu ziehen und so war unser Miteinander rein platonisch.

Bis Ostern hatten die Zwei sich, wie von mit eigentlich gefordert, natürlich noch nichts überlegt. Da ich zu den Feiertagen aber für  alle zwölf Appartements Buchungen hatte und ich sie ja nicht einfach auf die Straße setzen konnte, nahm ich sie kurzerhand bei mir zu Hause auf. Meine Mutter……..erzkonservativ…..schlug die Hände überm Kopf zusammen. Ich, gerade meine dritte Ehe hinter mir, bringe jetzt gleich zwei Frauen an, die dann auch noch sooooo jung sind. Aber mit der Zeit gewöhnte sie sich daran, zumal die Beiden sich auch sehr um sie bemühten. Wie heißt es so schön…..steter Tropfen höhlt den Stein…….es kam, wie es kommen musste. Anastasia lernte jemanden kennen und unternahm nun des Öfteren etwas ohne uns. So saß ich mit Emilia so manchen Abend alleine vor dem Kamin. Ich hielt mich zwar immer noch zurück, merkte aber, dass mir das immer schwerer fiel. Als ich mal wieder etwas in Berlin zu tun hatte fragte ich sie, ob sie mich übers Wochenende begleiten wollte und……..sie sagte ja.
So nahm dann das Schicksal seinen Lauf. Nach diesem Weekend in Berlin zog Anastasia zu ihrem Freund und Emilia in mein Schlafzimmer. Ich gab mich da keinen Illusionen hin. Natürlich war es mir klar, dass mir meine gute finanzielle Situation geholfen hatte, sie zu erobern. Aber wenn es nur das gewesen war, hat sie mich dieses nie spüren lassen…….ich glaube auch heute noch fest daran, sie war auch verliebt.
Die Visa der Beiden liefen Ende Juni ab. Anastasia heiratete ihren Freund und erhielt dadurch das Bleiberecht in Deutschland. Ich wollte nicht heiraten, aber Emilia gerne, so lange es eben gehen würde, bei mir behalten. Da sie in ihrer Heimat bereits ein Germanistik- Studium absolviert hatte, bestand für sie die Möglichkeit hier in Deutschland ein weiteres Studium aufzunehmen und dafür eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Ich schlug ihr vor, an der Hochschule in Bremerhaven BWL  zu studieren. Wenn wir uns eine Tages einmal trennen würden, oder ich ja, altersbedingt, irgendwann vor ihr gehen müsste, hätte sie alle Möglichkeiten auch ohne mich zurecht zu kommen. Gesagt, getan…..sie immatrikulierte an der Hochschule in Bremerhaven und fuhr nach Hause, um ihre noch fehlende Diplomarbeit abzugeben, einen Führerschein zu machen und ein neues Visum zu beantragen.
Wir telefonierten fast jeden Tag miteinander und meine Telefonrechnung erreichte astronomische Höhen. Sie sagte mir dabei immer wieder, dass sie es gar nicht abwarten könne, bis ich kommen würde, um sie Originalton: „zu klauen“.
Anfang September flog ich nach Simferopol, der Hauptstadt der Krim um Emilias Familie kennenzulernen, mit ihr ein paar Tage am Schwarzen Meer zu verbringen und sie dann endlich „zu klauen“. Sie holte mich vom Flughafen ab. Als ich sie sah, blieb mir die Luft weg. Sie hatte sich einen roten Hosenanzug auf ihre traumhafte Figur schneidern lassen und stand vor mir, wie schönes Geschenk. Ich konnte es kaum fassen, dass ich soviel Glück haben konnte.
Ihre Eltern, der Vater ein arbeitsloser Bauingenieur, die Mutter Verwaltungsangestellte an der Universität Simferopol und beide sogar noch etwas jünger als ich, sahen unserer Beziehung ganz locker. Es ist offensichtlich in Osteuropa nichts ungewöhnliches, dass ein älterer Mann, wenn er dann nicht ganz arm ist, sich eine junge Frau nimmt. So wurde ich von der ganzen Familie herzlich aufgenommen.
Emilia hatte für unseren Aufenthalt an der Küste in Jalta ein sehr exklusives Hotel gebucht und wir verbrachten ein paar schöne Tage am Meer. Hier erlebten wir auch „nine – eleven“……..Während sie im Bad war, sah ich im Fernsehen die Flugzeuge in die Twin- Towers in New York fliegen, wusste aber, da ich kein russisch konnte, nicht um was es ging, sondern dachte an einen Krimi. Erst als mir dann doch Zweifel kamen, rief ich meine Kleine aus dem Bad und sie übersetzte mir die Tragödie, die an diesem Tag, an dem wir doch so glücklich waren, über die USA hereingebrochen war. Obwohl das Hotel sehr exklusiv und mit vierhundert US - Dollar pro Nacht auch sehr teuer war, stellte ich doch fest, das den Tourismus auf der Krim und den in unseren Breiten, Welten trennen.
Wir  hatten Halbpension und am ersten Abend brachte uns die Bedienung einen Stapel Zettel, auf denen wir, im Voraus, für jede Mahlzeit während unseres Aufenthaltes ankreuzen mussten, was wir essen wollten…….auch jede Scheibe Wurst oder Käse zum Frühstück. Die Essenszeiten waren mit zwei Stunden sehr kurz und streng geregelt. Als wir, nach einer Rundtour ein paar Minuten vor Schluss zum Abendessen  kamen, bekamen wir nur noch einen Teller Risotto. Ich beschwerte mich erfolglos. Aber am nächsten Morgen servierte man mir, zusätzlich zu meinem vorbestellten Frühstück…….mein versäumtes Abendessen.

Die Krim ist ja bekannt für ihren Sekt und ihre guten Weine. Also fuhren wir zu einer Weinprobe. Ich bezahlte zehn Dollar pro Person und wir mischten uns unter die schon sehr lustigen Russen. Nachdem wir schon mit einigen von ihnen Brüderschaft getrunken hatten, wollten wir, bevor wir gingen, auch ein paar Flaschen Wein kaufen aber es gab nichts zu kaufen. Vermutlich war der Ausschank ertragreicher als der Verkauf.
Ich empfand es für ukrainische Verhältnisse schon als sehr fortschrittlich, dass ich das Hotel mit Kreditkarte, bezahlen konnte. Das stellte sich allerdings als sehr umständlich dar. Am Tag unserer Abreise, ging ich zur Rezeption und bekam, nach Vorlage meiner Kreditkarte, den Rechnungsbetrag von zweitausendachthundert Dollar in umgerechnet mehr als  dreißigtausend ukrainischen Griwna in kleinen Scheinen ausbezahlt. Der Vorgang des zweimaligen Zählens dauerte einige Zeit. Danach gab man uns eine Plastiktüte, in der wir diesen Stapel Papiergeld verstauten und drei Häuser weiter an der Kasse, nach wiederum mehrfachem Zählen, wieder einzahlten. Warum denn einfach, wenn es doch auch kompliziert geht……
Wieder in Cuxhaven angekommen, überraschte ich meine Kleine, die ja jetzt einen Führerschein hatte, mit einem Cabrio mit Stern, dass ich vorher schon für sie angeschafft hatte. Ihr alltäglicher Weg zur Hochschule nach Bremerhaven wäre zwar mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht ganz so teuer geworden aber…….man (n) gönnt sich ja sonst nichts.
Mit meinen Immobilien läuft es nicht so richtig rund. Die Häuser in Altlandsberg wollte ich ja eigentlich nach Ablauf der fünfjährigen Sperrfrist verkaufen und hatte die Mietverträge entsprechend gestaltet. Wir wurden aber seit Ende März 2000 von einer rot – grünen  Bundesregierung regiert. Die Sozis hatten nichts Besseres zu tun, als die Spekulationsfristen auf zehn Jahre zu verlängern. Damit brachten sie alle die, die dem Aufruf der alten Regierung gefolgt waren, durch Investitionen in den neuen Bundesländern, den Aufbau Ost zu unterstützen, in erhebliche Schwierigkeiten. Mit der Verlängerung waren die Steuervorteile, mit denen die Kohl – Regierung nach der Wende das Geld eingeworben hatte, hinfällig geworden. Dieses hatte viele gutgläubige Investoren, die auf die Seriosität unserer Volksvertreter, die inzwischen von Bonn nach Berlin umgezogen waren, gesetzt hatten, in den Ruin getrieben……..Was stört mich mein Geschwätz von Gestern.
Die Mieter meiner einen Haushälfte, hatten selber gebaut und zogen aus. Die der zweiten Haushälfte wollten den Mietvertrag gerne verlängern, waren aber nicht mehr bereit die anfänglich vereinbarte Miete zu bezahlen. Es gab inzwischen ein Überangebot an Mietobjekte, dass die Preise erheblich drückte. Ich musste also Federn lassen und da ich für das leere Haus einen längeren Leerstand befürchtete, überließ ich dieses Marco mit seiner Familie zu ebenfalls günstigen Konditionen.  Die Villa in Cuxhaven erbringt auch nicht das, was ich mir einmal erhofft hatte. Bis Ende 2001 war es mir noch nicht gelungen die berühmte „schwarze Null“ zu erreichen. Die Auslastung war zwar recht gut, aber  ich hatte ursprünglich bei meiner Preisgestaltung wenigstens mit einem Inflationsausgleich gerechnet. Jetzt musste ich aber, wegen der allgemeinen schlechteren wirtschaftlichen Lage in Lande, in der Vor – und Nachsaison sogar erhebliche Preisnachlässe gewähren. Das Minus glich ich regelmäßig durch Gesellschafterdarlehen aus, aber eine GmbH darf nur so lange Minus machen, bis ihre stillen Reserven aufgebraucht sind, danach gilt sie als überschuldet. Ich brauchte also für die GmbH eine zusätzliche Einnahmequelle. Was kann ich am Besten?………Schifffahrt. Meine GmbH übernimmt deshalb von der DBR das Motorschiff „Eberswalde“ im Mietkauf. Der Vertrag sieht vor, dass dieses nach einer Mietdauer von fünf Jahren, in das Eigentum der GmbH übergeht. Und mit
„Eberswalde“ klappt es ganz gut. Das Schiff gleicht nicht nur die Verluste aus, sondern erwirtschaftet sogar einen ordentlichen Gewinn. Damit hatte ich diese Kuh vom Eis.
Das „Joy Net“ in Berlin Hellersdorf hat sich auch ganz gut entwickelt und Marco plant ein weiteres Geschäft in Berlin Mitte zu eröffnen. In einer Nebenstraße der Oranienburger, findet er auch geeignete Räumlichkeiten und richtet diese entsprechend her. Ausgestattet mit der modernsten EDV eröffnet „Joy Net 2“ im Februar 2002. Da die Banken Computer, als kurzlebige Wirtschaftsgüter, nicht finanzieren, hat er sich über einen Brauereivertrag einen Kredit verschafft und den Rest haben wir aus Eigenmitteln beigesteuert.
Wie jedes Jahr, trifft sich die Familie, auch in diesem Jahr, jetzt erweitert um Maria und Wladimir aus Simferopol, zu Ostern bei mir in Cuxhaven. Dazu hatte ich noch Juri, den Generalkonsul, der mit seiner Frau und einem Enkelkind über die Feiertage in meiner Villa wohnte, eingeladen. Nach dem Osterfeuer bei uns am Strand, in dem wir im Schneetreiben vor der Musikmuschel am Strandhaus getanzt hatten, machten wir bei mir zu Hause weiter und der Wodka floss in Strömen. Jurij ist einen halben Kopf größer und bestimmt zwanzig Kilo schwerer als ich und, wie die meisten Osteuropäer, sehr trinkfest. Ich muss aufpassen, dass ich als Gastgeber, der ja mithalten muss, nicht vorzeitig ausfalle. Mein Glück ist, dass er mit seinem Dienstwagen in die Villa zurückfahren wollte und mich so vor einer Alkoholvergiftung bewahrte.
Am Tag nach Ostern bekommt Marco einen Anruf von seinem Geschäftsführer…“Joy Net 2“ wurde komplett ausgeraubt. Über Nacht ist es irgendwelchen Banditen gelungen, den Laden aufzubrechen und die gesamte technische Ausstattung, sowie die Waren, Alkohol und Zigaretten mitgehen zu lassen. Schaden…….weit über sechzigtausend Euro. Das Geschäft ist ja versichert doch obwohl die dort vorhandene Sicherheitseinrichtung von einem Sachverständigen der Versicherung begutachtet und für gut befunden worden war, weigert sich diese den Schaden zu übernehmen. Es bleibt Marco nichts anderes übrig, er muss Klage einreichen und es werden vier Jahre vergehen, bis es zu einem abschließenden Urteil kommt. Für neue Computer ist kein Geld mehr da und ohne, nur als reine Gaststätte, lässt sich der Laden nicht kostendeckend betreiben. Aus dem Mietvertrag für das Geschäft kommt er nicht heraus und der Brauereivertrag verpflichtet ihn, Biermengen abzunehmen, die er in einem Laden nicht absetzen kann. Erschwerend kommt hinzu dass, nachdem im April ein neunzehnjähriger an einer Schule in Erfurt ein Blutbad unter Schülern und Lehrern angerichtet hat, die Killerspiele für Jugendliche verboten werden, die sie im „Joy Net“ besonders gerne spielen. Das führt dazu, dass Marco jetzt auch mit seinem Stammgeschäft in Schwierigkeiten kommt. Nach vergeblichen Bemühungen das Schlimmste zu verhindern, muss er dann seinen (unseren) Traum aufgeben und Konkurs anmelden…….so schnell kann es gehen.

Gott sei Dank hat Marco seine Frau…….sie hat einen krisenfesten Arbeitsplatz und kann damit die Familie ernähren. Er selbst beginnt in der darauffolgenden Zeit im Internet mit gebrauchten Computern zu handeln. Nach diesem und verschiedenen anderen vergeblichen Anläufen ist es ihm letztlich dann aber doch gelungen, als Generalvertreter eines großen Kosmetikherstellers, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. In Cuxhaven ist alles im Lot…….ich sonne mich in meinem Glück. Aber meiner Mutter geht es nicht so gut. Sie braucht jetzt eigentlich eine vierundzwanzig Stunden Betreuung. Ich hätte ja gerne eine Pflegekraft für sie eingestellt aber ausländische sind noch nicht erlaubt und deutsche für „rund um die Uhr“ einfach zu teuer. Ihre einzige Freundin ist bereits verstorben und mit meiner jungen Lebensgefährtin kann sie nicht soviel anfangen, deshalb erhofft sie sich von einem Pflegeheim unter Altersgenossen, etwas mehr Abwechslung. Es gibt in Cuxhaven einige Pflegeeinrichtungen und wir finden auch schnell ein schönes Einzelzimmer in einem sehr gepflegten Haus, das ihr gefällt.
Wir müssen uns jetzt um Mutter keine Sorgen mehr machen und machen im Winter 2002 / 03 eine Nilkreuzfahrt und schnorcheln im Roten Meer. Im darauffolgenden Winter verbringen wir drei Wochen in einem Luxusressort in der Dominikanischen Republik. Für die Villa habe ich eine sehr gute Mitarbeiterin, die in der buchungsschwachen Zeit gut ohne mich auskommt und um die Schiffe kümmert sich mein tschechischer Partner Alex……..besser kann man es kaum haben.

Ein Kind hatten wir eigentlich explizit nicht eingeplant, aber wir haben auch nicht verhütet, sondern immer gesagt, dass wenn der liebe Gott will, dass ich noch einmal Vater werde, so soll es dann so sein.  Ich weiß nicht, woran es gelegen hat…..war es die karibische Luft, die tolle Anlage mit Reiten, Golfen und Segeln. Waren die tolle Verpflegung, unser Appartement mit Terrasse zum Meer oder die Tanzabende im Freien unter tropischen Sternenhimmel schuld daran, irgendwann muss ich auf dieser schönen Insel über mich hinausgewachsen sein. Resultat: Fast vierzig Jahre nach meinem ersten Treffer, habe ich einen erneuten gelandet…….Emilia ist schwanger und sie möchte das Kind auch gerne haben. Nun gut, ich bin achtundfünfzig und mit etwas Glück, kann ich ihr noch zur Seite stehen, bis es volljährig ist……also freuen wir uns beide auf das was jetzt auf uns zukommt. Das Kind muss einen Namen haben. Natürlich  bin ich bereit, das Versprechen……..“bis der Tod euch scheidet“…….zum vierten Mal abzugeben. Hoffentlich glaubt mir das Emilia noch. Ich meine es aber, wie auch vorher jedes Mal, absolut ernst……..
Auch dieses Mal lässt die Hochzeitsfeier kaum Wünsche offen. Unsere Freunde haben unser Haus, nach norddeutscher Sitte, mit selbstgemachten Blumengirlanden geschmückt und als Location dient uns der Verkaufsraum der Gärtnerei des Freundes, bei dem die Girlanden entstanden sind. Umgeben von Pflanzen und vielen, vielen Blumen, bewirtet uns, der Schlosswirt, aus unserem Kochklub, mit dem Besten, zu dem er im Stande ist. Nur die anschließende Tanzmusik ist mehr der Jugend meiner Frau angepasst und so sieht man wie sich meine Jahrgänge ihre Knochen verrenken. Frei nach dem Motto: Abends achtzehn und morgens achtzig……..

Ich habe viermal ohne den Segen von ganz oben geheiratet…….war das, was nun folgt, die Rache des Herrn? Obwohl ich eigentlich Realist bin, habe ich mich in der Folgezeit mehrfach gefragt, wem ich, wann und wieso auch immer, auf die Füße getreten sein könnte. Bis hierhin war ich doch eigentlich ein Glückskind. Kurz nach der Hochzeit habe ich mein Auto zur Durchsicht in die Werkstatt gebracht und sitze in meinem Büro als das Telefon klingelt. Emilia ist am Telefon und berichtet mir weinend, dass sie einen Unfall hatte. Sie wäre nur leicht verletzt und steht an der Autobahn kurz vor Cuxhaven und wartet auf die Polizei. Ich sage ihr, dass ich sofort kommen würde, dann fällt mir aber ein, dass ich ja gar kein Auto habe. Auf mein Notruf hin schickt die Werkstatt mir zwar gleich ein Ersatzfahrzeug aber bis das alles geklärt ist und  ich an der Unfallstelle ankomme, hat man sie bereits ins Krankenhaus transportiert. Das Auto liegt auf dem Dach, seitlich der Autobahn in einer Tannenschonung. Wie sie mir später berichtet hat, ist ihr bei Tempo hundertvierzig, ein Vorderreifen geplatzt und sie hat die Kontrolle über das Auto verloren.

Ich fahre ins Krankenhaus…….sie wurde in der Notaufnahme bereits untersucht aber außer ein paar  Prellungen und einigen leichten Schnittverletzungen hatten die Ärzte, Gott sei Dank, keine weiteren körperlichen Schäden bei ihr festgestellt. Man hatte ihr aber gesagt, dass man sie, wegen ihrer Schwangerschaft noch ein bis zwei Tage stationär unter Beobachtung behalten möchte. Und leider kommt es wie befürchtet……ein paar Tage später erleidet sie eine Fehlgeburt. Das Kind sollte oder wollte nicht bei uns bleiben. Offensichtlich wollte der liebe Gott doch nicht, dass ich noch einmal Vater werde. Nur dann hätte er eigentlich früher eingreifen sollen. Wir waren sehr traurig aber am schlimmsten war es für mich, Emilia so leiden zu sehen. Sie hatte sich doch schon so auf das Kind gefreut. Obwohl ich mich in dieser Zeit sehr um sie gekümmert habe, hat es lange gedauert, bis sie darüber hinweggekommen ist. 
Zu allem Überfluss flattern uns nun auch noch Schreiben der Staatsanwaltschaft Stade ins Haus. Emilia wird wegen Fahrens ohne gültige Fahrerlaubnis angezeigt und ich auch, weil ich ihr das Auto überlassen hatte. Was wir nicht wussten……..ein ausländischer Führerschein berechtigt den Inhaber  längstens sechs Monate  ein Fahrzeug  in Deutschland zu führen. Innerhalb dieser Zeit kann er ihn problemlos gegen einen deutschen Führerschein eintauschen. Versäumt er diese Frist, ist dieses nicht mehr möglich und er darf mit dem ausländischen Führerschein in Deutschland auch nicht mehr fahren. Bei Emilia war das halbe Jahr schon länger rum also durfte sie nicht mehr fahren. Sie musste jetzt, wie ein Neuling, ihre Pflichtstunden nehmen und eine Fahrprüfung ablegen. Das verstehe wer will…….ein halbes Jahr war sie imstande ein Auto zu führen und danach offensichtlich nicht mehr. Da wiehert doch der Amtsschimmel.  Auf meinen Einspruch hin, ließ die Staatsanwaltschaft zwar die Anklagen fallen aber die Vollkaskoversicherung verweigerte aus eben diesem Grund die Leistung. Ich musste den nicht unerheblichen Schaden am PKW und achtzehn abgeknickte Bäume aus der Tannenschonung aus eigener Tasche bezahlen. Die kleinen Bäume übernahm ich gerne,  hatten sie doch noch Schlimmeres verhindert…….

Das nun folgende Jahr verlief im Großen und Ganzen ruhig. Die DBR versuchte mich bei der Neuverhandlung des Chartervertrages für meine Schubverbände im Preis zu drücken. Ich war mit diesen Einheiten sowieso nicht ganz glücklich, denn die Schubschiffe waren sehr reparaturanfällig und ich hatte auch des Öfteren Reklamationen, weil das Personal nicht sehr zuverlässig war. Kurzerhand verkaufte ich die kompletten Verbände zu einem recht guten Preis und konzentrierte mich jetzt nur noch auf meine zehn Motorschiffe, von denen sieben an die Kapitäne vermietet waren. Mit diesen Schiffen hatte ich, außer Mietrechnungen zu schreiben, kaum noch etwas zu tun.  M/S „Eberswalde“, das Schiff der GmbH war mein Flagschiff. Ich beschäftigte einen sehr guten tschechischen Kapitän und eine Besatzung, die mir nicht Alex stellte, sondern die auf meiner eigenen Lohnliste stand. Da das Schiff sich hervorragend rechnete und 2007 in unseren Besitz übergehen würde, investierte ich in eine hydraulische Ruderanlage, in ein neues Radargerät und ließ das Ruderhaus umbauen.
Durch meine guten Kontakte zu der Cuxhavener Hafenwirtschaft konnte ich einige sehr lukrative Transporte an Land ziehen. So fuhren wir mehrfach quer durch Europa um von Budapest Konstruktionsteile nach Cuxhaven zu transportieren.  Ansonsten widmete ich meine ganze Aufmerksamkeit der „Villa“. Der Umgang mit den Gästen machte mit Spaß. Ich bekam sehr schnell Kontakt und Dank meiner Geschwätzigkeit kam ich auch recht gut an. Ich hatte sehr viele, vor allem ältere Stammgäste, die wenn sie abreisten schon wieder ihren nächsten Aufenthalt buchten. Das machte mir Hoffnung, dass wir, in nicht allzu ferner Zukunft, von dem Ertrag des Hauses würden leben können. Dann wollte ich die Schiffe verkaufen und mich nur noch mit der Vermietung der  Ferienwohnungen beschäftigen. Das ist zwar eine Arbeit, die in der Hauptsaison hohen Einsatz erfordert, aber dafür hat man im Winter seine Ruhe……so kann man den Job noch bis ins hohe Alter ausüben.
Für die Wäscherei von Bärbels Tochter Lara die, soweit ich das beurteilen konnte, sehr fleißig war, machten wir in meinem Büro die Buchhaltung. Eines Tages hörte ich, dass eine alteingesessene Wäscherei mit Reinigung in der Innenstadt zum Verkauf stand. Die Inhaber wollten aus Altersgründen aufgeben und hatten keinen Nachfolger. Nachdem ich mich intensiv mit dem Eigentümerehepaar auseinandergesetzt hatte,  war ich der Meinung, dass dieses eine gute Gelegenheit für Lara wäre, zu expandieren. Dieser Betrieb war maschinell so gut ausgestattet, dass ohne Probleme das Aufkommen beider Wäschereien bewältigen werden konnte. Ein eingespieltes Team von acht langjährige Mitarbeiter würde sie dennoch soweit entlasten, dass ihr ausreichend Freiraum blieb, sich etwas mehr um ihre, mittlerweile schulpflichtige, Tochter kümmern zu können. Für den Fall, dass sie einverstanden wäre, des Geschäft zu übernehmen, hatte ich mich bereit erklärt, sie für eine Einarbeitungszeit bei der Geschäftsführung zu unterstützen. Auch der Inhaber bot ihr an, ihr noch einige Zeit mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Es hätte also alles prima klappen können, wenn das Andreas nicht alles eine Nummer zu groß gewesen wäre. Während sie recht umtriebig war und sich auch bestimmt schnell zurecht gefunden hätte, war ihm das alles viel zuviel. Sie gerieten darüber so in Streit, dass er alles stehen und liegen ließ  und sich wieder nach Berlin absetzte. Jetzt fehlte er natürlich auch in dem kleinen Betrieb. Ich half zunächst aus aber da ich auch nicht soviel Zeit erübrigen konnte,  musste sie einen Ausfahrer und eine weitere Mitarbeiterin zum Mangeln einstellen. Das trieb natürlich ihre Kosten in die Höhe und irgendwie kam sie mit der Situation auch psychisch nicht zurecht. Das führte dazu, dass sie Termine nicht einhielt und dadurch einige größere Kunden verlor. Anstatt zu wachsen war sie sechs Monate später pleite und folgt ihrem Mann und ihrer Mutter wieder zurück nach Berlin.

Im Winter fliege ich, wie auch schon vorher mit zwei meiner Exgattinnen, mit Emilia nach Ostafrika denn ich liebe diesen Kontinent und habe das Gefühl, dass es noch irgendwo in meinen Genen verankert sein muss, denn das menschliche Leben soll ja hier entstanden sein. Ich glaube, ich könnte dort  leben…… und Emilia ist so leicht zu begeistern, so wird auch diese Reise zum Kilimandscharo wieder ein Erlebnis.
Meinen sechzigsten Geburtstag feiern wir ganz groß, mit etwa sechzig Personen, bei unserem Lieblingsitaliener in Cuxhaven……in den paar Jahren, die ich jetzt wieder in der Stadt bin, ist es mir doch gelungen mir einen großen Freundeskreis zu anzuschaffen. Emilia ist auch ein Glücksfall für mich, wir verstehen uns nach wie vor wunderbar. Sie kommt mit ihrem Studium gut voran und hat, so hobbymäßig, angefangen im Internet ein bisschen mit Mode zu handeln.  Es kann uns also gar nicht besser gehen…… Doch dann, ich weiß nicht warum, verlässt mich das Glück und es kommt knüppeldicke......

Es ist Anfang November und wir planen schon so langsam für Weihnachten. Es wird in diesem Jahr kein „full house“ geben…….meine Exstieffamilie hat mit sich selber genug zu tun und wird in diesem Jahr nicht nach Cuxhaven kommen können. Aber Emilias Eltern möchten gerne kommen…….Sie kommen immer mit zehn Kilo Gepäck und fahren nach vier Wochen mit mindestens einhundert Kilo wieder nach Hause. Ich hätte ihnen auch den Flug bezahlt aber sie wollten nicht fliegen, sondern kamen immer mit dem Bus. Von Simferopol nach Bremen sind das
achtunddreißig Stunden, die sie auf sich nahmen, weil sie im Flugzeug nicht so viel Gepäck  mitnehmen konnten.
Am Tag ihrer Ankunft fahren wir schon am Vormittag los um noch ein bisschen shoppen zu gehen. Der Bus sollte um sechzehn Uhr ankommen. Um zwei ruft Emilias Mutter an…….sie stehen in Dresden am Bahnhof und kommen nicht weiter. Der Dresdener Zoll hatte in Wildwestmanier den Bus aufgebracht und beschlagnahmt. Nicht etwa, weil er nicht verkehrstüchtig war, sondern der ukrainische Unternehmer hatte irgendeine Lizenzgebühr nicht bezahlt. Man hatte daraufhin alle Passagiere, die in der Mehrzahl kein Deutsch sprachen und auch kein deutsches Geld bei sich hatten, einfach am Bahnhof ausgesetzt, ohne sich darum zu kümmern, wie sie weiterkommen sollten. Man hätte den Bus ohne weiteres zu seinem Bestimmungsort fahren lassen und danach beschlagnahmen können. Offensichtlich gab es auch bei der sächsischen Zollbehörde ausländerfeindliche Beamte, die sich benahmen, als wäre Deutschland eine Bananenrepublik.
Wir fuhren also nach Dresden, luden dort Emilias Eltern und noch ein weiteres Ehepaar, das auch nach Bremen wollte ein, und wir waren letztendlich nach eintausendzweihundert Kilometern nachts um zwei zu Hause. Später habe ich daraufhin eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht, aber nie mehr etwas darüber erfahren und obwohl ich meinen Freund Jurij in Hamburg darüber berichtet hatte…….es gab nicht einmal eine Entschuldigung. Ich, ein bekennender Weltbürger, verstehe mein Land nicht mehr denn offensichtlich hackt auch hier eine Krähe……..

Große Sorgen mache ich mir indes um meine Mutter, es geht ihr gar nicht gut. Sie ist mit Wasser in der Lunge ins Krankenhaus gekommen und die Ärzte meinen, sie müsse dringend am Herzen operiert werden. Man versucht sie aber zunächst zu stabilisieren, um den Eingriff vornehmen zu können.

Am sechsten November sitze ich morgens in meinem Büro und verfolge meine Schiffe. Seit zwei Wochen war der DEK wegen Bauarbeiten gesperrt.  Ich musste deshalb die Schiffe, die normalerweise aus den Niederlanden und Belgien kommend, über den Rhein und dann bei Wesel in den Kanal fahren um in die östlichen Landesteile zu gelangen, umleiten. Sie müssen jetzt einen großen Umweg über das Ijsselmeer, Nordholland der Emsmündung  machen, um bei Rheine in den MLK zu kommen.  Das Motorschiff „Eberswalde“ hatte in Charleroi, Belgien, tausend Tonnen Dünger, nach Magdeburg geladen und ist an diesem Morgen auf dem Weg von Delfzijl nach Herbrum, der nördlichsten Schleuse des DEK in der Nähe von Papenburg. Gegen halb neun befindet sich das Schiff unterhalb des Emssperrwerkes bei Gandersum. Dieses Sperrwerk wurde 2002 in Betrieb genommen. Es dient zum Küstenschutz vor Sturmfluten und zum Aufstauen der Ems bei den Überführungen der Kreuzfahrtschiffe der Meyer – Werft von Papenburg nach Emden……
Als mein Telefon klingelt, ahne ich nicht, dass dieser Anruf mein Leben innerhalb von wenigen Minuten total verändern wird…..Ich habe den Kapitän von „Eberswalde“ am Hörer, der mir mit sehr aufgeregter Stimme mitteilt, dass das Schiff sinkt. Was war geschehen? Ein elektrischer Defekt hatte die Ruderanlage blockiert. Das Schiff war nicht mehr steuerbar und mit voller Fahrt am rechten Ufer der Ems zwischen die Dalben, die zum Festmachen wartender Schiffe dienten, geraten. Einer der Stahlpoller an den Dalben hatte dem Schiff die Steuerbord Seite unterhalb der Wasserlinie auf  etwa drei Meter aufgerissen. Die Besatzung hatte noch versucht ein Lecksegel zu setzen um den Wassereinbruch zu stoppen, dieses war aber nicht gelungen. Das Schiff lief jetzt innerhalb kurzer Zeit voll und der Kapitän unterbrach unser Telefonat um in das Rettungsboot zu steigen. Als er sich wieder meldete, war „Eberswalde“ schon untergegangen.

Ich rief die Versicherung und die DBR an und meldete die Havarie. Dann machte ich mich mit Emilia auf den Weg zur Unfallstelle. Unterwegs sagte ich ihr noch, dass es ja Gott sei Dank Personenschaden nicht gegeben hatte und da das Schiff versichert war, wir einen materiellen Schaden auch nicht zu befürchten hätten.  Als wir an der Unfallstelle ankamen, waren dort zwischenzeitlich einige Vertreter des Wasser- und Schifffahrtsamtes, der Wasserschutzpolizei und der Schiffsversicherung eingetroffen. Von dem Schiff ragte nur noch die Mastspitze aus dem Wasser. Meine Mitarbeiter besaßen nur noch das, was sie auf dem Leib trugen. Das Schiff war so schnell gesunken, dass sie nichts mehr retten konnten. Der Vertreter der Versicherung bestätigte mir zunächst einmal, dass seitens der Kaskoversicherung einer Schadensregulierung nichts im Wege stand. Die Vertreter des Wasser – und Schifffahrtsamtes machten mich aber noch darauf aufmerksam, dass das gesunkene Schiff unverzüglich zu bergen sei, um die übrige Schifffahrt nicht zu gefährden. Der Versicherungsvertreter sah noch einmal seine Unterlagen durch und stellte fest, dass das Schiff durch die Vollkaskoversicherung  ausreichend versichert war,  es aber keine Haftpflichtversicherung gab, die normalerweise Umweltschäden, Bergungskosten und den Ladungsverlust abdeckt. Nach dieser, seiner Aussage lief es mir eiskalt den Rücken herunter……..mir war sofort klar, was das für mich bedeutete. Auch wenn mir das Schiff noch nicht gehörte, haftete ich als Betreiber in diesem Fall für alle Kosten, die hier entstehen würden. Warum hatte die DBR ihr Schiff nicht versichert? Offensichtlich hatte es jemand aus der Versicherungsabteilung der Firma, aufgrund des Mietkaufvertrages mit mir, aus der Flottenhaftpflicht herausgenommen, mich aber darüber nicht informiert. Die Jahresprämie für Haftpflichtversicherung betrug weniger als eintausend Euro das sind Peanuts zu den Kosten von über achtzehntausend Euro, die ich für die Vollkaskoversicherung dieses Schiffes im Jahr zu zahlen hatte. Diesem Fehler, den ich nicht zu verantworten hatte, hatte ich nun zu verdanken, dass ich auf fast einer Million Euro für die Bergung und des Ladungsverlustes  sitzen bleiben würde.
Ich versuchte  noch die DBR wegen ihres Fehlverhaltens mit in eine Schadenregelung einzubeziehen, aber die ließen mich eiskalt auflaufen. Die gesetzliche Regelung war ja auch eindeutig…….ich war zwar nicht Eigentümer des Schiffes aber der Halter……. also haftete ich.  Es war mir unmöglich, diese Summe aufzubringen. Die Banken bieten dir einen Regenschirm an, wenn die Sonne scheint…….aber wenn es regnet nehmen sie ihn dir wieder weg. Man verweigerte mir die dringend benötigten Darlehen. Da ich mir, in dieser ausweglosen Situation, ein Verfahren wegen Konkursverschleppung ersparen wollte, blieb mir nur der direkte Weg zum Konkursrichter. Ich hatte durch diesen Schiffsuntergang innerhalb von ein paar Minuten alles verloren, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte……. dabei hatte ich „Eberswalde“ doch eigentlich angeschafft, um gerade dieses zu verhindern. Eine halbe Stunde nachdem ich, total am Boden zerstört, vom Gericht nach Hause gekommen war, rief mich das Krankenhaus an…….Mutter war gestorben. So hat sie den Untergang ihres Sohnes, auf den sie doch so stolz war, nicht mehr mitbekommen. Für sie war es sicher besser so. Für mich ist das aber alles ein bisschen viel auf einmal, wer hat da etwas gegen mich und warum?  Jetzt saßen wir da, ohne Geld…….die Banken hatten mir sämtliche Konten gesperrt, denn ich haftete ja auch mit meinem Privatvermögen und mit meiner Einzelfirma für die GmbH. Ich hatte kein verstecktes Nummernkonto in der Schweiz oder irgendwelche Panamapapers, ich war schlicht und einfach total pleite.
Die beiden Häuser und das Grundstück in Altlandsberg, zehn Schiffe, die „Villa“ unsere Autos und unser private Wohnhaus………Gesamtwert:  etwa fünf Millionen Euro…….alles weg. Ich lege meine ganzen öffentlichen Ämter nieder und kann  mich doch eigentlich nur noch hinter einen Zug werfen…… Der Insolvenzverwalter nahm mir zunächst einmal alles aus der Hand. Aber von Schiffen hatte er keine Ahnung. Und es schwammen ja noch neun, da mussten Transportaufträge abgewickelt werden, dazu brauchten wir die Mitarbeit der Personale und und und….. In der „Villa“ waren noch ein paar Gäste die betreut werden mussten…….kurz und gut, er bot mir an für tausend Euro im Monat, plus Krankenversicherung, diese Aufgaben zu übernehmen. Normalerweise hätte ich ihn ausgelacht aber in unserer jetzigen Situation, musste ich erst einmal froh sein, frei nach dem Motto „kommt Zeit kommt Rat“ überhaupt über ein Einkommen verfügen zu können…… 


Kapitel 9    
Das Leben ist eine Achterbahn 

2006 - 2012  
Emilia verdient als Kleinunternehmerin von der Mehrwertsteuer befreit, mit ihrem Internethandel vier bis fünfhundert Euro im Monat. Bisher hat sie kein Geld aus ihrem Betrieb entnommen……..sie brauchte es bisher einfach nicht, ich war ja da. Jetzt hat sie also ein paar Reserven und weil wir nicht wissen, wie es weiter geht, bietet es sich an das Geschäft ein wenig zu pushen. Noch lässt man uns in unserem Wohnhaus wohnen und so hat sie viel Platz um Waren zu lagern. Hat sie vorher etwa einhundert Artikel im Monat verkauft, steigert sie sich jetzt auf die doppelte Menge und da sie beim Einkauf einen guten Geschmack beweist, erzielt sie auch ganz ordentliche Preise. Das hilft uns unsere Situation etwas entspannter zu sehen.
Der Insolvenzverwalter möchte, dass ich auch die „Villa“ bis zu einer Verwertung weiterführe. Außerdem bittet er mich, mich um die Veräußerung meiner Immobilien in Altlandsberg zu kümmern. Das schlage ich ihm rundherum ab. Ich soll dafür Sorgen, dass für mein bisheriges Eigentum gute Preise erzielt werden……..und das für tausend Euro im Monat. Der Insolvenzverwalter wird am Ende für meine Insolvenz ein Honorar von weit über einhunderttausend Euro einstecken…….ich bin zwar pleite aber nicht blöd. Also gibt er die Vermietung an ein Vermietungsbüro, das sich bei uns mit einer Auslastung von zweihundert Tagen im Jahr beworben hat. Aber das was die einfahren, ist nicht die Hälfte von dem, was ich umgesetzt hatte.
Ein totales Verlustgeschäft. Jetzt bietet er mir an, dass wir die „Villa“ eventuell zurückkaufen könnten. Er würde sich dafür einsetzen, dass wir eine Finanzierung bekämen. Ich fange an zu rechnen…….wenn das Haus bei einer Versteigerung fünfzig Prozent des Wertes erzielen würde, könnten wir durch die erheblich geringeren Kapitaldienste, von vorneherein schwarze Zahlen schreiben. Ich biete sechshundertsiebzigtausend Euro……..der Insolvenzverwalter lehnt ab. Später wird er das Haus für sechshundertzwanzigtausend verkaufen.
Meine Schiffe sollen ja auch verkauft werden aber der Markt hierfür ist schlecht. Die Schiffe sind eigentlich zu klein und technisch veraltet. Es gibt außer einer Verschrottungsfirma, die pro Schiff fünfzehntausend Euro bezahlen will, keine weiteren Interessenten. Da ich aber davon überzeugt bin, diese Schiffe noch einige Jahre auskömmlich beschäftigen zu können, biete ich pro Schiff dreißigtausend Euro. Das ist der Bank zuwenig. Obwohl meine Schiffshypotheken zum Zeitpunkt meiner Insolvenzanmeldung noch niedriger valutierten, hat sich die Bank den Preis schön gerechnet und fordert fünfundvierzigtausend. Das ist mir zuviel…. ich lehne ab.

Am Ende des Tunnels taucht ein Licht auf…….Marco meldet sich. Er hat Geld bekommen. Bei seiner Insolvenz hatte sein Insolvenzverwalter das Prozesskostenrisiko für unseren Rechtsstreit mit der Versicherung wegen des Einbruchschadens nicht übernehmen wollen. Wir haben aber die Gerichtskostenvorschüsse geleistet und jetzt gab es ein Urteil……..die Versicherung musste zahlen. Damit mein Anteil nicht in der Konkursmasse verschwand, ging er als zinsloses Darlehen an Emilia. Unsere prekäre finanzielle Situation hatte sich jetzt erheblich verbessert……. Der Insolvenzverwalter kommt aus Bremen und möchte meine E - Klasse an einen Mercedeshändler in Bremen verkaufen. So lange ich für ihn tätig bin, will er mir eine A – Klasse  kostenlos zur Verfügung stellen. Wir bieten ihm für mein fünf Jahre altes Auto, mit einer Laufleistung von einhundertdreißigtausend Kilometern, zehntausend Euro und bekommen es letztlich für elftausend Euro. Den mir zugesagten A – Klasse Dienstwagen nehme ich aber trotzdem……Emilia muss ja schließlich in die Uni.

Der Tunnel wird heller……zu dem einen Licht taucht noch ein Zweites auf…….Emilias Vater erzählt bei einem Telefonat, dass er einen Bekannten hätte, der in der Bezirksregierung der Krim säße und aus einem Imbiss – und Souvenirladen am Strand in der Nähe von Jalta, wohl einiges, vermutlich schwarzes Kapital geschlagen hatte. Er wollte sich jetzt gerne einen Mercedes zulegen. Die aber waren auf der Krim rar und sehr teuer. Wir hatten ja einen und schickten Fotos rüber. Das Auto war in einem guten Zustand und Wladimir, der das Auto ja kannte, meinte, dass wir dafür bestimmt fünfundzwanzigtausend US Dollar, der Zweitwährung in der Ukraine, bekommen könnten. Das klang doch nicht schlecht. Nur wenn wir das Auto zum Verkaufen in die Ukraine einführen wollten, müssten wir etwa sechstausend Dollar Einfuhrzoll bezahlen. Das würde den Erlös erheblich schmälern. Der Bekannte von Wladimir fuhr offensichtlich auf unser Auto ab und wollte es unbedingt kaufen. Wir sollten einfach mit einem Besuchervisum einreisen, um alles andere würde er sich kümmern, wenn wir angekommen wären…….er wäre ja schließlich Politiker.
Ich lasse mich auf das Abenteuer ein, nehme mir eine Woche frei und los geht’s……dreieinhalbtausend Kilometer auf die Krim. Den ersten Tag fahren wir nach Krakau. Dort haben wir uns mit Anna, der polnischen Malerin verabredet. Sie hat inzwischen einen Sohn von Anatol, ist aber nicht mehr mit ihm zusammen. Wir übernachten bei ihr, quatschen über dies und das und sie zeigt uns am nächsten Tag ihre Stadt. Krakau begeistert mich. Die Universitätsstadt beherbergt viele junge Leute und hat irgendwie etwas Italienisches. Die Burg Wawel, mit dem Blick auf die Weichsel, das bunte Treiben auf dem Hauptmarkt, die Marienkirche und die Tuchhallen, sind nur ein kleiner Ausschnitt an Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss. Wir haben aber nur den einen Tag und so nehmen wir uns vor irgendwann einmal wieder, mit mehr Zeit, nach Krakau zu fahren.
Am nächsten Morgen verlassen wir Krakau in Richtung Jaroslaw. Hier wollen wir über die Grenze in die Ukraine fahren. Als die Landschaft so an uns vorbeizieht, bin ich erstaunt, wie gut Polen sich, nach dem Beitritt zur EU entwickelt hat. Die Straßen waren in einem recht guten Zustand und wo nicht……wurde gebaut. Auch die Ortschaften, die wir passierten, sahen sehr freundlich aus. Ich hatte Polen kurz nach der Wende in einem völlig anderen Zustand erlebt. Hier waren die Fördergelder offensichtlich nicht im Sande versickert.
Vor der Grenze stehen lange Schlangen Autotransporter. Ob große Laster oder auch die vielen Kleinlaster und PKW´s mit Anhänger, keines dieser Fahrzeuge hat ein komplettes Auto geladen. Einer fuhr mit Fahrgestellen, der nächste mit dem kompletten Oberbau, andere wiederum Räder oder Karosserien. Ob nun bei uns gestohlen oder gekauft, die Autos werden in Polen in teilweise dubiosen Werkstätten zerlegt und in mehreren Teilen, als Ersatzteile deklariert, über die Grenze gebracht…..das spart den Einfuhrzoll. Ich hatte schon gehört, dass die ukrainischen Zöllner und auch die Polizisten schlecht bezahlt sind, und mir einige kleine Scheine eingesteckt. Der Zehneuroschein, den ich in meinen Pass gelegt hatte, fand, nachdem wir nach drei Stunden Wartezeitendlich endlich an der Reihe waren, auch schnell seinen Abnehmer…..Wieviel Scheine mag da so ein Autohändler wohl bei sich haben?
Unser heutiges Ziel war Lviv, das ehemals deutsche Lemberg. Nach der Grenze verschlechterten sich die Straßen und ich hielt mich zunächst an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von einhundert kmh. Mit der Zeit stellte ich aber fest, dass nur die Ladas, Trabbis und andere Kleinwagen sich auch daran hielten. Alle Luxuskarossen bretterten mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei. Emilia erzählte mir, das diese kaum angehalten werden, weil meistens irgendwelche Bonzen damit unterwegs sind……Also gab ich Gas, in der Hoffnung, dass man mich auch für einen Bonzen hält. Ich hatte im Internet in Lemberg ein Hotel mit bewachter Tiefgarage gebucht. Wenn man mir das Auto unterwegs stiehlt, kann ich es ja nicht wieder mit hinausnehmen und muss dafür dann, auch wenn es gestohlen ist, die sechstausend Dollar Einfuhrzoll bezahlen. Das Auto steht in meinem Pass und ich bin mal gespannt, wie der Verkauf in Simferopol ablaufen soll und es aus meinem Pass wieder rauskommt…….hoffentlich geht alles gut.
Das Hotel, obwohl eines der Besten der Stadt, war recht einfach, aber das war uns jetzt egal, denn wir hatten es ja eilig. Morgen wollten wir bis nach Odessa kommen, dort hatten wir uns mit Emilias Eltern verabredet, die mit uns die restliche Strecke bis Simferopol gemeinsam fahren wollten. Wir sind also recht früh aufgebrochen denn bis Odessa sind das etwa eintausend Kilometer. Ich fahre also wieder Bonzengeschwindigkeit. In einem abgelegenen Teil zwingt mich der schlechte Zustand der Straße zum langsamer fahren. Dabei überholt mich ein SUV mit aufgesetztem Blaulicht und gibt mir mit einer Kelle Zeichen, dass ich anhalten soll. Zwei Uniformierte verlangen die Wagenpapiere und versuchen mir in schlechtem Englisch, klar zu machen, dass mein Auto irgendeiner Vorschrift laut § XY nicht entsprechen würde und verlangen eine Geldbuße von zweihundert Dollar. Während wir noch debattieren und ich fast schon bereit bin zu zahlen, hält hinter uns ein Mercedes mit ukrainischer Nummer und der Fahrer faltet die Uniformierten so was von zusammen, dass sie mir meine Papiere zurückgeben und das Weite suchen. Unser Retter erzählt uns nun in recht gutem Deutsch, das wir von Raubrittern in Fantasieuniformen angehalten worden sind. Ich bedanke mich und nehme mir vor, mich von keiner Polizei, egal ob echt oder nicht, mehr anhalten zu lassen.
Das Treffen mit meinen Schwiegereltern in Odessa klappt. Sie erwarten uns in dem Hotel in dem wir uns verabredet hatten. Am nächsten Morgen führt uns Wladimir noch kurz durch diese wirklich sehenswerte Stadt und dann steuern wir unser Endziel Simferopol an. Auch hier lassen wir das Auto nicht unbewacht über Nacht stehen sondern parken es, nachdem ich es habe waschen und reinigen lassen, wieder in einer Garage. Ich will ja schließlich die fünfundzwanzigtausend Dollar haben. Was danach kommt, kann mir dann egal sein. Emilias Eltern gehören zur Mittelschicht in der Ukraine. Wladimir ist zwar arbeitslos aber er bezieht eine Rente und Maria hat einen guten Job. Sie besitzen zwei Eigentumswohnungen in einer Plattenbausiedlung. Die Häuser sehen von außen aus, als würden sie bald zusammenfallen. Es fehlt an Farbe und jeder hat an seinem Balkon irgendwie wild herumgebastelt, es hängen Kabel und Wäscheleinen herum und es sind Unmengen von  Satellitenschüsseln installiert. Die Außenanlagen befinden sich in einem fürchterlichen Zustand und die Gehwege sind kaum begehbar. Aber überall sieht man gut gekleidete, hübsche Frauen, die sich dort trotzdem noch mit hohen Absätzen bewegen können. Die Gemeinschaftseinrichtungen, wie Treppenhäuser und Fahrstühle sind so ungepflegt, dass man sich kaum hineintraut. Offensichtlich zahlen die Wohnungseigentümer hier kein Hausgeld, aus dem das Gemeinschaftseigentum unterhalten wird.  In einem völlig anderen Zustand sind aber die Wohnungen. Wladimir und Maria haben eine wirklich schöne Wohnung, in der es, bis auf einen Geschirrspüler, an nichts fehlt. Gegen Abend lernen wir dann auch den Käufer unseres Autos kennen. Ein wirklich netter Typ, der aber eine Selbstsicherheit ausstrahlt, an der man einen Chef oder hohen Beamten sofort erkennt. Wir zeigen ihm das Auto…….und er ist begeistert. Meine E –Klasse ist ja voll ausgestattet, da gibt es eine Menge zu erklären. Er will unbedingt kaufen und lässt sich von mir meinen Pass aushändigen, um das Auto austragen zu lassen. Wir verabreden am nächsten Tag eine Probefahrt nach Kanaka, dem Ort am Schwarzen Meer, in dem er offensichtlich sein schwarzes Geld verdient. Dort sollen wir dann seine Gäste sein und können in einem seiner Ferienhäuser, wenn wir wollen, ein paar Tage bleiben.

Ich wollte ihn die Strecke nach Kanaka eigentlich gleich fahren lassen. Er ist aber mit der Technik total überfordert und Automatik hat er auch noch nicht gefahren. Deshalb fahre ich, und werde ihm später noch ein paar Fahrstunden geben.  Dieses Kanaka ist eigentlich nicht einmal ein Ort. Es gibt hier einige wenige Wohnhäuser und einen riesigen, unvollendeten Hotelneubau. Dieser hat die Form einer fliegenden Möwe aus der Sicht von oben. Der Körper beherbergt die Rezeption, die Speiseräume, Treppenhäuser und Fahrstühle. In den Flügeln sollten jeweils vierhundert Zimmer untergebracht werden. Der Bau wurde aber nach der Perestrojka eingestellt. Ein Flügel befindet sich noch im Rohbau und verkommt so langsam. Der andere Flügel ist ausgebaut. Die Rezeption ist in Funktion und ein Restaurant gibt es auch. Die Fahrstühle fehlen noch und an den Treppen in dem ausgebauten Flügel, fehlen die Geländer. Hier hat man aus Brettern ein Provisorium geschaffen. Und man glaubt es nicht……..das Haus ist voll belegt. Es ist Urlaubszeit und die Russen zahlen für ein einfachst eingerichtetes Zimmer hundert Dollar die Nacht. Da holt jemand aus dieser Ruine jeden Tag vierzigtausend Dollar heraus. Mein Käufer ist ja Lokalpolitiker und für diese Gegend zuständig…..ich glaube, er hat seine Finger hier auch mit im Spiel.  Seine Ferienhäuser entpuppen sich als Bretterbuden, auch aufs Einfachste eingerichtet und kosten fünfzig Dollar pro Tag. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hätte nicht länger als eine Nacht bleiben können. Die Matratzen waren so schlecht, dass mir am nächsten Morgen alle Knochen weh getan haben. Und auch für diese Buden gab es kaum Leerstand…….welch ein Paradies für Investoren.
Seine Frau betrieb einen Imbiss und das Souvenirgeschäft. Der Imbiss, mit Meerblick, bestand aus zusammengestellten einfachen Faltpavillons, die man bei uns für vierzig Euro das Stück kaufen kann. Kühltruhen für Eis und Getränke, Friteuse und einem Grill, dazu ein paar Sonnenschirme und ein paar billige Plastikmöbel fertig ist eine Goldgrube, denn es herrschte hier reger Publikumsverkehr. Auch das Geschäft mit billiger Chinaware war nur eine Bretterbude aber offensichtlich erfüllte sie ihren Zweck, denn der Absatz von Schwimmtieren, Badesachen usw. lief offensichtlich hervorragend. Er zeigte uns ein neues Baugebiet, in dem Ferienhäuser entstehen sollten. Jedes Haus mit vier Wohnungen sollte fünfundsiebzigtausend Dollar kosten. Er hatte die Idee uns, anstelle des Kaufpreises für das Auto, fünf Grundstücke von je fünfhundert Quadratmetern zu übereignen. Wladimir und Maria wollten dann ihre Eigentumswohnungen verkaufen, und mit dem Erlös zwei Häuser bauen. Danach in eine der neuen Wohnungen einziehen und sich um die Vermietung der Anderen kümmern. Aus diesem Erlös sollte dann jedes Jahr ein weiteres Grundstück bebaut werden. Eigentlich simpel und machbar und wenn ich nicht in einer so schwierigen Situation gewesen wäre, hätte ich ernsthaft darüber nachgedacht. Aber so……. in der hier herrschenden politischen Lage, einfach einige Grundstücke, ohne Absicherung in einem Grundbuch,  das es hier gar nicht gab, zu erwerben, dass war mir dann doch nicht geheuer. Ich hätte auch erst einmal einen Schnellkurs in Korruption und Bestechung machen müssen.
Und heute……..gehört sowieso alles Putin. Wie hätten wir ihm nachweisen können, dass wir die Eigentümer sind. Apropos Schnellkurs……ich unterwies meinen Käufer in der Bedienung seines neuen Autos, bis ich sicher war, dass er damit zurecht kam. Dann bekam ich meinen Pass zurück, das Auto war mit amtlichem Siegel ausgetragen und……..ich erhielt den vereinbarten Kaufpreis. Später erfuhr ich, dass mein Pass in Odessa war und dort die Ausfuhr des Autos in die Türkei bestätigt wurde. Wie sie das gemacht haben und was dieses gekostet hat, weiß ich nicht, es war mir auch egal……ich jedenfalls war aus dem Schneider. Das Geschäft hatte funktioniert. Da ich mich um unsere weiter Zukunft zu kümmern hatte, flogen wir schon am nächsten Tag zurück nach Deutschland.  Irgendwie war ich erleichtert…….egal was kommen würde, wenn mir gar nichts anderes gelingen sollte, bringe ich eben jeden Monat einen Luxuswagen auf die Krim. Davon ließe sich auch leben…….. Mein Käufer hatte dann aber mit dem Auto nicht sehr viel Glück gehabt. Von Wladimir erfuhren wir, dass er ein paar Monate später damit einen Unfall mit Totalschaden gebaut hatte…….mein armes Auto stirbt auf der Krim….

Wieder Zuhause angekommen, informiert mich der Insolvenzverwalter, dass er sich mit der Bank geeinigt hätte…….sie wären jetzt damit einverstanden uns die Schiffe zu dem von mir gebotenen Preis zu überlassen und zu finanzieren. Schiffseignerin wäre dann, wegen meiner Insolvenz, meine Frau aber mit der Maßgabe dass ich die Geschäftsführung fortsetze, könnten sie sich eine weitere Zusammenarbeit vorstellen. Dagegen war nichts einzuwenden. Ich wäre zwar etwas unterbezahlt, da ich aber in den nächsten sechs Jahren, der Wohlverhaltensphase, nur den nicht pfändbaren Teil eines Einkommens verdienen sollte, konnte ich damit gut leben………es geht also wieder bergauf.

Inzwischen haben wir schon wieder einiges Geld auf der Seite und können das Stammkapital von fünfundzwanzigtausend Euro für eine neue Kapitalgesellschaft nachweisen. Wir gründen die CUXship Elbe Schiffahrts GmbH, mit Sitz in Cuxhaven, die die neun Schiffe vom Insolvenzverwalter kauft. Offiziell ist jetzt Emilia geschäftsführende Gesellschafterin mit einem recht gutem Gehalt und ich der, der…….. für wenig Geld die Arbeit machen muss. Wir kaufen die Schiffe aus dem laufenden Geschäft heraus und verdienen ab dem Tag der Übernahme schon wieder gutes Geld. Mit diesem, jetzt Erreichten, war unser Lebensunterhalt wieder gesichert. Wieder soweit zu kommen, das war schon ein Stück Arbeit, aber wie heißt es so schön? Wer kämpft kann verlieren, doch wer nicht kämpft hat schon verloren……..und ich habe gekämpft und nicht verloren……ich kann einfach nicht verlieren.
Jetzt müssen wir nur noch unsere Wohnsituation klären. Wir bekommen auch mein Wohnhaus wieder angeboten. Meine Hypothek valutierte zum Zeitpunkt meiner Konkursanmeldung noch mit einhundertfünfunddreißigtausend Euro. Der Konkursverwalter war der Meinung mindestens zweihunderttausend bei einer Versteigerung erzielen zu können. Ich war aber nur bereit die einhundertfünfunddreißigtausend dafür auszugeben, denn ich wollte das Haus  ja nicht zweimal bezahlen und war auch nicht verhandlungsbereit. Das Haus war uns, nachdem Mutter nicht mehr war, sowieso viel zu groß und dann der große Garten. Ich hatte ziemliche Probleme mit dem Rücken und musste irgendwann operiert werden. Wir wollten und mussten uns unbedingt verkleinern. Ich hatte zwar keine großen Hoffnungen zu einem Erfolg zu kommen, aber vereinbarte trotzdem mal mit der Immobilienabteilung der Sparkasse, bei der wir inzwischen auch unser Geschäftskonto unterhielten, einen Gesprächstermin. Ich wollte mal ausloten ob es möglich wäre eine Immobilie zu kaufen.  Mit der Sparkasse hatte ich vorher nichts zu tun gehabt, deshalb war sie ja durch meine Insolvenz auch nicht geschädigt worden.
Ich hatte bei der Kontaktaufnahme auf meine Situation hingewiesen aber ich wollte und konnte ja sowieso nicht in Erscheinung treten. Aber meine Frau hatte ein gutes Einkommen und in den Schiffen steckte soviel Kapitalreserve, da müsste es doch eigentlich möglich sein, eine Finanzierung für den Kauf eines Hauses hinzubekommen. An dem Morgen, an dem wir das Gespräch führen wollten, rief die Sachbearbeiterin an und sagte der Termin ab. Als Begründung gab sie an, dass sie grundsätzlich die Ehepartner mit in die Haftung nähmen und das wäre ja bei mir nicht möglich.  Also schauen wir uns nach einem Mietobjekt um. In und um Cuxhaven kann man für sieben bis achthundert Euro ein schönes Haus mieten. Nachdem wir uns einige Objekte angesehen hatten, uns aber noch nicht entscheiden konnten, waren wir zum Geburtstag eines Freundes eingeladen. Bei der Feier saß neben mir ein Bekannter, der die Immobilienabteilung der Westbank leitete. Die waren von meiner Pleite betroffen aber er meinte, dass ich doch einmal mit der Sparkasse sprechen sollte. Ich erzählte ihm von meinem vergeblichen Versuch. Daraufhin riet er mir, mal Kontakt zu dem Leiter der Kreditabteilung, mit dem er befreundet wäre, aufzunehmen. Ich meinte, dass er, wenn er mit dem befreundet wäre, ihm ja mal erzählen könnte, wie meine Situation zustande gekommen war und was für ein netter Kerl ich bin………
Drei Tage später rief mich der Leiter der Kreditabteilung an und wir vereinbarten einen Termin. Wiederum ein paar Tage später, bekamen wir (meine Frau) eine Finanzierungszusage. Man soll eben doch nicht mit Hänschen….. sondern gleich mit Hans sprechen. Wir gingen jetzt auf die Suche, nach einem geeigneten Objekt. Das ist gar nicht so leicht, denn wenn man aus einem so großen Haus kommt, hat man die Räumlichkeiten immer im Hinterkopf. Unsere Vorstellung war, ein Haus, nicht älter als zehn Jahre, etwa einhundertvierzig Quadratmeter Wohnfläche und mit maximal sechs – siebenhundert Quadratmeter Grundstück. Es passten auch zwei – drei in unsere Größenvorstellung aber dann gefielen die Fliesen oder der Holzfußboden nicht oder fehlte eine Garage oder die Lage stimmte nicht……kurz und gut, es gab an allen Häusern etwas auszusetzen.
Auf einer Handwerksmesse in Cuxhaven, kamen wir mit einem Bauunternehmer aus der näheren Umgebung ins Gespräch. Er baute Stein auf Stein und zeigte uns einige seiner Modelle, die er bisher schon gebaut hatte. Da wir seine Preise ganz interessant fanden, verabredeten wir einen unverbindlichen Termin bis zu dem wir uns über unsere Vorstellungen, wie unser Haus aussehen sollte, im Klaren sein wollten. Wenn der Preis stimmt und die Sparkasse mitspielt, könnte es ja auch ein neues Haus sein. Emilia und ich setzten uns also hin und brachten unsere Vorstellungen zu Papier. Wenn schon ein neues Haus, dann sollte es auch unseren Bedürfnissen entsprechen. Wir brauchten im EG ein Gästezimmer mit Bad für Ihre Eltern. Ein großes Wohnzimmer mit einem Anschluss für einen offenen Kamin. Dazu eine offene Küche, in der wir ausreichend Platz hätten, um gemeinsam mit unseren Freunden zu kochen. Dann noch unbedingt eine Garage, aus wir mit unseren Einkäufen direkt in einen geräumigen Hauswirtschaftsraum gelangen konnten. Im OG sollten es zwei Schlafzimmer, ein großes Büro und ein großes Bad werden. Emilia ist Kosmetikfreak und sie braucht einfach Platz, um Vitrinen aufstellen zu können, in denen sie ihre hunderte Fläschchen und Tübchen unterbringen konnte. Natürlich musste auch noch Raum sein für eine Eckbadewanne mit Whirlpool. Eigentlich stand noch eine Sauna auf unserem Wunschzettel aber damit hätten wir unseren Kostenrahmen, den wir eigentlich noch gar nicht kannten, bestimmt gesprengt. Und obwohl ich in dem alten Haus einen schönen Weinkeller besaß, in dem auch noch einige Schätzchen lagerten, wollten wir, auch aus Kostengründen auf einen Keller verzichten……den Wein müssten wir dann leider etwas schneller austrinken……. 

Insgesamt kamen wir jetzt auf eine Wohnfläche von knapp einhundertsiebzig Quadratmeter. Die Baupreise im Norden sind, gemessen an denen im Süden mit etwa eintausend Euro pro Quadratmeter Wohnfläche außerordentlich günstig. Und so errechnete der Bauunternehmer uns einen Preis inklusive Garage und der Pflasterung von Zufahrt und Terrasse, von zweihundertzehntausend Euro. Ich handele ja gerne und kann den Preis auf glatt zweihunderttausend reduzieren.  Dann sprach ich mit der Sparkasse über unser Vorhaben und man sagte mir, dass sie sich vorstellen könnten, wenn wir ein Baugrundstück aus eigenen Mitteln kaufen würden, die Finanzierung des Wohnhauses zu übernehmen. Seit dem Rückkauf der Schiffe, war mittlerweile schon fast ein Jahr vergangen und wir hatten uns schon wieder ein recht gutes finanzielles Polster zurücklegen können. Wenn man nicht unbedingt strandnah bauen will, kosten die Grundstücke in Stadtrandlage ca. siebzig bis achtzig Euro pro Quadratmeter. Das hieß für uns etwa sechzigtausend Euro……..das war machbar. Also gingen wir auf die Suche nach einer passenden Umgebung für unser zukünftiges Leben und werden fündig. In Altenwalde, einem Ortsteil von Cuxhaven wurde in einer ruhigen Wohnstraße mitten im Ort, ein uraltes Bauernhaus abgerissen.. Dieser Bauplatz war einfach ideal…….sehr ruhig, und doch mitten im Ort, Discounter, Post, Bank und Ärzte in einem Umkreis von maximal dreihundert Metern fußläufig zu erreichen, etwas Besseres konnten wir kaum finden. Die Erbengemeinschaft verlangte für achthundert Quadratmeter fünfundfünfzigtausend Euro und wir schlugen zu.

Unser altes Wohnhaus, für das wir inzwischen fünfhundert Euro Miete an den Insolvenzverwalter bezahlen mussten, war aufgrund der Größe schier unverkäuflich. Es hatte sich in dieser ganzen Zeit noch kein einziger Interessent gemeldet und es wurde dann auch erst über ein halbes Jahr, nachdem wir schon in unser neues Haus gezogen waren, weit unter Preis verkauft.  Unser Freundes – und Bekanntenkreis hatte sich nach meiner Pleite stark gelichtet. Auch Michelle und Ernesto zogen sich völlig zurück. Michelle fand das vorher sowieso schon nicht so toll, dass ihr Vater eine Frau geheiratet hatte, die jünger war als sie selbst. Ich weiß nicht ob sie der Meinung waren, dass ich mein Geld mit meiner jungen Frau durchgebracht hatte und sie jetzt  Angst hatten uns unterstützen zu müssen…..ich habe seitdem nichts mehr von ihnen gehört.
Eine Insolvenz hat immer noch so ein negatives Geschmäckle. Da ich ja alle meine öffentlichen Posten aufgegeben hatte, verlor sich der Kontakt zu meinen ehemaligen Mitstreitern. Als erfolgreicher Unternehmer war ich interessant aber wer will schon etwas mir einem Pleitegeier zu tun haben. Von denen, die mit uns unsere  Hochzeit und danach meinen Sechzigsten gefeiert hatten,  waren nur noch einige Wenige übrig geblieben. Als dann unsere Neubaupläne bekannt wurden, sprangen uns noch ein paar von der Fahne……..ein Jahr nach der Pleite ein neues Haus bauen……..da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.
Was soll´s …….es geht los, was andere sich einmal im Leben zumuten, habe ich ja schon ein paar Mal durchgestanden aber dieses Mal soll es das letzte Mal sein. Ich habe nicht nur unser Wohnhaus geplant, sondern auch meinen Altersruhesitz. Nicht das ich mich alt fühle aber ich komme ja langsam in die Jahre und irgendwann werde auch ich vermutlich des Kämpfens müde sein und dann im Garten nur noch meine Kois streicheln.

Aber erst einmal muss ich zur Generalüberholung. Wegen meiner starken Rückenschmerzen hat mich mein Hausarzt an eine Klinik nach Oldenburg überwiesen, in der der Chefarzt eine neue Behandlungsmethode zur Versteifung von Wirbeln erfolgreich praktizierten sollte. Bei den Voruntersuchungen hat der dann festgestellt, dass bei mir aufgrund einer anatomischen Fehlbildung der Lendenwirbel lose war und auf die Nerven im Spinalkanal drückte. Jetzt wollte er diesen Wirbel durch einen recht einfachen Eingriff stabilisieren. Er bestellte mich für Montag früh ein, der Eingriff sollte noch am gleichen Tag erfolgen und am Freitag könnte ich dann wieder nach Hause gehen. Da das so schnell gehen sollte, fand ich prima. Die paar Tage ging es  auch mal ohne mich und die Schiffe dirigierte ich sowieso telefonisch.
Montagnachmittag erwache ich aus der Narkose und liege, noch etwas benommen, schon wieder in meinem Zimmer. Meine Frau kommt mich besuchen und ich stehe auf, um zur Toilette zu gehen. Welch ein Wunder, ich habe keine Schmerzen und kann laufen…..da hat der Chefarzt mir ja nicht zuviel versprochen. Einige Zeit nach meiner Frau kommt er dann persönlich bei mir vorbei, und teilt mir mit, dass es Probleme bei der OP gegeben hätte. Aufgrund meiner lädierten Wirbelsäule hätte er an der vorgesehenen Stelle nicht bohren können, deshalb hatte er die OP abgebrochen und mich wieder zugenäht……dass ich keine Schmerzen hatte, lag noch an den Schmerzmitteln, die man mir verabreicht hatte……. morgen früh kann ich wieder nach Hause gehen. Ich bin von diesem hochdotierten Spezialisten begeistert.
Als ich meinen Hausarzt über das Ergebnis informiere, schüttelt auch er den Kopf. Ich soll mich jetzt in Bremerhaven vorstellen. Der Chefarzt der dortigen Wirbelsäulenklinik ist Cuxhavener und mein Hausarzt kennt ihn persönlich. Das tue ich dann auch, ich möchte ja jetzt möglichst schnell von meinem Leiden befreit werden. Als ich diesem Chefarzt von meinem Erlebnis in Oldenburg erzähle, übt der, für mich beinahe unfassbar (eine Krähe……), böse Kollegenschelte aus. Auch hier werde ich wieder eingehend untersucht, muss in die Röhre und werde von allen Seiten, hinten und vorne, oben und unten geröntgt. Nachdem er nun alle Ergebnisse vor sich liegen hat, erklärt er mir, wie er vorgehen wird. Er wird mir ein Implantat einbauen. Dieses stabilisiert die Wirbelsäule und in drei Monaten, in denen ich nicht sitzen darf, hätte sie sich soweit versteift, dass ich dann schmerzfrei sein müsste. Allerdings werde ich mindestens zwei Wochen in der Klinik bleiben müssen. Was soll ich machen……da muss ich durch und stimme zu.
Nach meiner Rückkehr nach Hause, warte ich auf das Nachlassen meiner Schmerzen. Nicht sitzen zu dürfen, bedeutet ja auch nicht Autofahren zu können…..ich stehe im Büro, oder liege auf der Couch herum. Aber meine Schmerzen gehen einfach nicht weg. Nach drei Monaten stellt der Arzt in Bremerhaven bei der Nachuntersuchung fest, das mein Implantat durchgebrochen ist. Er kann sich das warum nicht erklären und ich kann es einfach nicht glauben. Recht ungehalten frage ich ihn ob er sein Material aus China beziehen würde.  Das kaputte Implantat muss wieder herausgenommen werden und er schlägt mir vor, die OP zu wiederholen. Ich habe aber die Schn…….auch von diesem Fachmann gestrichen voll.  Aller guten Dinge sind drei…….wir hatten eigentlich auch in Cuxhaven eine Knochenklinik, die früher sogar einmal einen guten Ruf hatte, aber in den letzten Jahren so vor sich hindarbte. Vor kurzer Zeit wurde sie von einem Klinikkonzern übernommen, der dieses Haus wieder in altem Glanz erstrahlen lassen möchte. Ich werde mich zu gegebener Zeit dort einmal vorstellen, aber erst einmal muss ich unser Haus fertig bauen. Das nimmt auch so langsam Formen an und bis jetzt hatte ich auch noch nichts zu meckern. Das Richtfest feiern wir im August und zu Weihnachten wollen wir umgezogen sein. Meine Wirbelsäulen OP ist dann für Januar eingeplant. Emilias Eltern haben wir für Anfang Dezember eingeladen, sie sollen uns beim Umzug helfen. 

Den ersten Krach mit dem Bauunternehmer bekomme ich, nachdem wir mit dem Elektriker die E – Installation festlegen. Bei der Verhandlung über den Baupreis hatte ich dem Unternehmer noch mit einem Augenzwinkern gesagt, dass ich eigentlich gewohnt sei noch mehr Rabatt zu bekommen. Ich wäre bereit ihn aber noch leben zu lassen nur dafür wollte ich mich nicht mit ihm über einen Aufpreis für Steckdosen herumstreiten müssen. Und genau darum geht unser erster Streit. Abends bekomme ich ein Fax in dem er mir  für die E – Anlage Mehrkosten in Höhe von dreitausendfünfhundert Euro unterjubeln will. Nachdem mir aber anstatt der angebotenen Schüco Fenster ein polnischen Nonameprodukt eingebaut werden soll, kriegen wir richtig Krach. Wer mich über den Tisch ziehen will, muss sich warm anziehen. Es geht in diesem Sinne weiter, denn auch die Heizungsanlage entspricht  nicht der angebotenen Qualität. Er kümmert sich nicht um die Bautrocknung ohne die die Malerarbeiten, die ich schon aus dem Auftrag herausgenommen habe, nicht ausgeführt werden können. Und als er die Fliesen von irgendwelchen Leuten, die er bei „my Hammer“ aufgegabelt hat, verlegen lassen will, werfe ich sie raus und vergebe die Arbeiten selber. Die Baufortschrittszahlungen stelle  ich ein, denn ich bin mir sicher, dass es zu einem Rechtstreit kommen wird und da möchte ich noch Geld in der Hand haben. Ich hatte zwischenzeitlich gehört, dass er in einem ähnlichen Fall seine Firma einfach dichtgemacht und seine Frau eine neue Firma gegründet hatte……..warum habe ich diese Information nicht schon früher bekommen…….sie hätte mir einiges an Nerven ersparen können.
Bis auf die Malerarbeiten und die Fußbeläge, die ich auch aus dem Bau herausgenommen hatte und die Pflasterarbeiten, war der Bau fertig. Ich kündigte den Bauvertrag fristlos wegen grober Verletzung der Vereinbarungen und ließ die Mängel von einem Sachverständigen dokumentieren. Die noch ausstehenden Arbeiten vergab ich in eigener Regie an entsprechende Handwerker und wir schafften es das Haus termingerecht fertig zu stellen. Der Gutachter hatte die Kosten für die nicht geleisteten Arbeiten, der Abweichungen vom Bauvertrag und Baumängel mit insgesamt sechsundzwanzigtausend Euro beziffert. Diese Summe hatte ich auch in etwa einbehalten. In dem Gerichtsverfahren, das er Bauunternehmer deshalb angestrengt hatte, und das knapp drei Jahre dauerte, bekam ich letztendlich Recht.  Nachdem die Mängel beseitigt sind, war das Haus jetzt genauso, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Der Gartenbauarchitekt, der schon den Garten meines letzten Hauses gestaltet hatte, benötigte nur eine gute Woche, um  ein wüstes Baugrundstück in einen tollen Garten zu verwandeln. Er gestaltete auch hier wieder einen Koiteich, pflanzte Hecken, verlegte Rollrasen und übernahm auch die noch ausstehenden Pflasterarbeiten.  Wie geplant, verbringen wir das Weihnachtsfest in unserem neuen Haus. Maria und Wladimir haben uns wirklich sehr geholfen, das zu ermöglichen. Die Grundreinigung eines neuen Hauses, mit neuer Küche und anderen Einbaumöbeln so akkurat durchzuführen, damit man einziehen kann, das macht schon viel Arbeit. Ich bin wegen meines Rückens ja keine große Hilfe und kümmere mich ums Kochen. In unserer neuen Küche mit Induktionskochinsel und allen technischen Geräten, die aktuell gefragt sind, in Arbeitshöhe eingebaut, macht mir das auch richtig Spaß.

Am zehnten Januar habe ich meinen OP Termin. Es wird auch höchste Zeit……ich kann mich, trotzt starker Schmerzmittel, nur noch mühsam fortbewegen. Die Voruntersuchungen die ich wieder einmal über mich ergehen lassen musste, bringen ein Ergebnis zu Tage, dass mich an der Qualifikation von den bisher beteiligten Medizinern noch stärker zweifeln lässt. Der Chefarzt der Cuxhavener Klinik stellt nämlich fest, dass mein Hüftgelenk kaputt ist. Das kann doch eigentlich nicht sein. Bei allen vorhergegangenen Untersuchungen ist es diesen hochbezahlten Koryphäen nicht aufgefallen, dass ich ein kaputtes Hüftgelenk habe…….der Hüftkopf ist total eingebrochen . Dieses hatte letztendlich die Statik meines Körpers soweit verändert, dass deshalb vermutlich auch das Implantat gebrochen war. Ich fasse es nicht……   Man wird mir also zunächst einmal ein neues Hüftgelenk einsetzen und sich cirka drei Monate später dann mit meinem kaputten Implantat beschäftigen. Bereits drei Tage nach meiner OP springe ich schon rum, wie ein junger Gott und nach einer Woche bin ich wieder zu Hause. Und die Moral von der Geschichte…….es gibt nicht nur Pfusch am Bau…..

Emilia hatte ihr Praktikum bei einer Cuxhavener Hafenbetriebsgesellschaft, mit deren Geschäftsführer wir befreundet waren, absolviert. Man hatte ihr in Aussicht gestellt, dass sie nach Abschluss ihres Studiums dort anfangen könnte. Sie spricht neben deutsch und englisch, russisch, natürlich auch ukrainisch. Diese Sprachkenntnisse, sind im internationalen Transportgeschäft hoch willkommen. Aus dem gleichen Grund hätte sie auch bei einer Cuxhavener Firma, die Windräder herstellt und Offshoreanlagen baut, anfangen können. Beides war aber nicht ihr Ding, sie hasste Container und Windmühlen und am liebsten hätte sie sich jetzt auch beruflich mit ihrem Hobby, Kosmetik, beschäftigt. Die Firmenzentralen der großen Kosmetik – und Drogerieketten, liegen aber weitab vom Schuss und sie wollte ja auch gerne in Cuxhaven, das ihr ja inzwischen zur Heimat geworden war, bleiben. Aber…….das Ende meiner beruflichen Tätigkeit ist ja irgendwann absehbar, es war klar, ich konnte sie nicht bis ans Ende ihrer Tage versorgen. In ein paar Jahren müsste sie auf eigenen Füßen stehen.…….deshalb mussten die Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Bei unserem Umzug in das neue Haus haben wir erst richtig gemerkt, über wieviel Ware sie bereits für ihren Modehandel verfügte. Wir hatten alles auf den Spitzboden gebracht und der war jetzt rappelvoll. Der Job machte ihr Spaß und inzwischen erzielte sie damit auch schon einen ordentlichen Gewinn. Was lag also näher, wir bauen das Geschäft aus……auch Neckarmann hat ja mal klein angefangen.
Im Internet gibt es tausende von Hausfrauen, die als Kleinstunternehmerinnen, befreit von der Mehrwertsteuer, mit Bekleidung handeln. Deren Preisgestaltung liegt keiner ordentlichen Kalkulation zu Grunde. Sie freuen sich wenn sie ein paar hundert Euro hinzuverdienen können. Um aber mit Mode richtig Geld zu verdienen, ist es notwendig, gute Ware zu einem günstigen Preis einkaufen zu können. Zu einem großen Hamburger Versandhauskonzern gehört unter anderem auch ein Tochterunternehmen, dass die Retouren und Restposten des Konzerns an Wiederverkäufer verkauft. Emilia hat dort schon hin und wieder mal Ware in geringen Mengen eingekauft. Wenn ihr Geschäft wachsen soll, muss der Absatz erhöht werden, da heißt……mehr einkaufen. Wir fahren nach Hamburg und verhandeln mit der Geschäftsführung  um Rabattstaffeln. Diese Verhandlung endete so positiv, dass wir nach diesem Gespräch direkt tausend Abendkleider orderten.
Die Lieferung per LKW an unser Wohnhaus, erregte in der Nachbarschaft ziemliches Aufsehen. Wir……dieses doch sehr ungleiche Paar, hatten die Nachbarn sowieso schon neugierig gemacht. Jetzt wurden vor unserer Haustür auch noch zehn Rollständer mit jeweils einhundert Abendkleidern ausgeladen. Um die Nachbarinnen, die aus den Fenstern hingen, zu ärgern, rief ich dem Fahrer zu, dass wir, wenn meine Frau shoppen ginge, immer einen LKW bräuchten.
Wir hatten jetzt aber ein Problem. Ich hatte nicht bedacht, dass zehn Kleiderständer a, zweieinhalb Meter einen riesigen Platzbedarf hatten. Unsere Garage hatten wir schon zum Lager umfunktioniert, da passten aber nur sechs hinein. Den Rest mussten wir in unserem Haus verteilen. Das konnte jedoch nur eine kurzfristige Lösung sein. Hatte Emilia bisher etwa fünf bis zehn Pakete am Tag versandt, würden wir uns, mit einem größeren Angebot auf etwa dreißig pro Tag steigern. Es war deutlich erkennbar, dass sie den Aufwand, die Waren in den Webshop einzupflegen, die telefonische Kundenbetreuung und ein Versand in dieser Größenordnung, nicht mehr alleine würde bewerkstelligen können. Also……..wir brauchte erstens ein Lager und zweitens eine Mitarbeiterin.  Beides fand sich in relativ kurzer Zeit. Wir mieteten ein Ladengeschäft mit Nebenräumen und einer Gesamtfläche von einhundertsechzig Quadratmeter an. Wir renovierten, ließen Regale einbauen, schafften zwei Schreibtische, die notwendige EDV und eine Telefonanlage an. Nachdem wir die gesamte Ware, cirka zweitausend Artikel, aus unserem Haus in den Laden gebracht hatten, war der erst halb voll. Wir hatten also ausreichende Reserven für weitere zweitausend Artikel. Und……..wir wohnten nicht mehr in einem Lagerhaus. Nur wenige Monate später, wurde es in dem Laden auch schon eng. Wir bekamen jetzt des Öfteren größere Posten zu guten Preisen angeboten. Und wenn Emilia  der Meinung war, dass sie sich gut verkaufen ließen, schlugen wir zu. Wenn man solche großen Posten einkauft und für den einzelnen Artikel einen guten Preis erzielen will, verkauft man nicht alle sofort. Der Warenbestand nimmt dadurch stetig zu.
Zu dem Versandhauskonzern gehörte ein kleines, feines Label, das hochwertige Damenmode vertrieb. Auf diese Retouren und Restposten hatte es Emilia besonders abgesehen, weil sie sich gut verkauften. Dieses Label unterhielt zusätzlich zum Versandhandel noch  Ladengeschäfte in drei deutschen Großstädten. Wir hatten vereinbart, bei Kollektionswechsel, die kompletten Restposten dieser Läden zu übernehmen. Jetzt führten wir in unserem Sortiment auch Schuhe, Handtaschen, Wäsche und Accessoires. Unser Webshop entwickelte sich sehr schnell in Richtung einer Internetboutique. Also ließen wir unseren Shop von einem Webdesigner entsprechend überarbeiten. Bei einem unserer Einkäufe in Hamburg, erfuhren wir, dass der Konzern diese Label verkauft hatte. Ich nahm sofort Kontakt zu dem neuen Eigentümer auf und vereinbarte einen Termin. Wir wollten versuchen, die Restposten, Überhänge und Retouren dieser Firma komplett zu übernehmen. Ich bin zwar mitgefahren, habe aber an dem Termin nicht teilgenommen. In diesem Geschäft arbeiten überwiegen Yuppies und ich wollte Emilia, als Inhaberin, den Vortritt lassen.  Nach einer guten Stunde kam sie freudestrahlend zurück……..sie hatte den Auftrag. Zunächst sollten die Restposten noch über die alte Schiene vermarktet werden aber ab 01.01. 2010 wären wir die alleinige Abnehmerin. Jetzt fing ich an zu rotieren…….wir brauchen ein größeres Lager, ein Warenwirtschaftssystem und ein paar Arbeitsplätze für Büropersonal.  Die einzige Immobilie, die einigermaßen passte, war ein ehemaliger Discounter. Dafür sollten wir allerdings zweieinhalbtausend Euro Miete im Monat bezahlen. Dass erschien mir zu teuer und ich fing an zu rechnen. Für den Preis könnten wir eigentlich den Kapitaldienst für ein Darlehen von etwa dreihunderttausend Euro bedienen. Beim Liegenschaftsamt bot man mir ein Gewerbegrundstück von zweitausendsiebenhundert Quadratmeter zu vierundzwanzig Euro den Quadratmeter an. Das Amt für Wirtschaftsförderung teilte mir auf meine Anfrage hin mit, das wir wegen der Wirtschaftskrise, in der sich Deutschland befand, mit einer Förderung des Landes in Höhe von dreißig Prozent rechnen könnten.  Jetzt informierte ich mich über die Preise von Stahlbauhallen. Es gab da regional große Unterschiede. Ich fand im Internet einen kleinen Hallenbauer in der Nähe von Bremervörde, bei dem die Hallenpreise nur halb so hoch waren, als die von einem bekannten Hamburger Unternehmen. Auf einen Architekten wollte ich dieses Mal verzichten…… das kriege ich alleine hin. Ich hatte eine Skizze gefertigt und diese mit dem Hallenbauer besprochen. Die Halle sollte sechzehn Meter breit und dreißig Meter lang werden, voll isoliert und beheizt und mit einem Büroteil von achtzig Quadratmetern im vorderen Teil. Die Ausbauarbeiten, Elektrik, Heizung, Sanitär, Maler, Bodenbelege und Außenanlagen schrieb ich aus. Nachdem mir alle Preise vorlagen, sollte der Bau inklusive des Grundstückes gut dreihunderttausend Euro kosten. Damit gingen wir zu unserer Bank, die sich auch bereit erklärten, das zu finanzieren. Ich stellte den Förderantrag in Hannover und musste mich zwei Wochen gedulden, bis ich den Bescheid erhielt, dass unser Objekt förderfähig sei. Dieser Bescheid war sehr wichtig, denn vorher durfte ich, laut den Statuten der Förderbank, nichts in Auftrag geben.  Der Hallenbauer, selber Bauingenieur, fertigte den Bauantrag für uns, den ich persönlich am Bauamt vorbeibrachte um auch auf die Dringlichkeit hinzuweisen. Ich hatte dort einige Diskussionen, bin ja aber bekannt, dass ich mich durchzusetzen vermag und hielt vier Wochen später die Baugenehmigung in der Hand. Weil der Hallenbauer nicht ausgelastet war, hatten wir zu dem Zeitpunkt die Bodenplatte bereits gegossen, so dass wir direkt mit dem Hochbau beginnen konnten Vom ersten Spatenstich bis zur Fertigstellung brauchten wir nur drei Monate und das ohne Architekten …….das soll mir erst einmal jemand nachmachen.  Unsere Ware aus dem überfüllten Ladengeschäft nahm sich in der Halle recht kümmerlich aus. Wir hatte also noch genug Platz um darin noch vor Weihnachten eine Einweihungsparty und zugleich Emilias dreißigsten Geburtstag zu feiern. Aber auch noch vor Weihachten kam ein Schreiben aus Hannover, in dem man uns mitteilte, dass sie bedauerten uns bei der Vergabe von Fördermitteln nicht berücksichtigen zu können. Aufgrund der erhöhten Förderung wären so viele Anträge eingegangen, dass das Kontingent erschöpft sei. Jetzt werde ich aber böse……wieder Versprechungen von der Regierung und wieder werden sie nicht eingehalten. So etwas hatte ich ja schließlich schon mit meinen Häusern in Altlandsberg erlebt. Zu unserem näheren Bekanntenkreis gehört ein CDU Politiker, der ist mittlerweile Staatssekretär in Berlin. Über den haben wir auch den damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU in Hannover kennengelernt. Ich schreibe also beide an und weise darauf hin, dass ich unseren Fall publik machen werde, wenn sich das nicht in unserem Sinne aufklärt. Kopien dieser Schreiben schicke ich auch nach Hannover. Anfang Januar lädt man uns zu einem Gespräch ein und…….in irgend einer Schublade muss noch Geld vergessen worden sein…..man kann uns jetzt doch noch berücksichtigen. Wer kämpft kann verlieren…… wer nicht kämpft…… Wir beschäftigen jetzt eine weitere Bürokraft, eine Schneiderin, die kleine Schäden an Retouren beseitigen soll und eine Packkraft denn inzwischen versenden wir mehr als fünfzig Pakete am Tag. Als das in Hamburg vereinbarte Geschäft richtig anläuft, ist unsere Halle sehr schnell voll. Bereits ein Jahr später müssen wir eine Halle von vierhundert Quadratmeter dazumieten. Und stellen noch eine Auszubildende, eine Lageristin und eine weitere Packkraft ein. Jetzt sind wir schon bei einhundert Sendungen pro Tag. Wir sind zwar noch nicht ganz Neckarmann……aber auf dem besten Weg dorthin.  Um den weiter steigenden Absatz noch bewältigen zu können, nutzen wir ein Fulfillmentangebot eines der Globalplayer im Internethandel. Dass heißt, wir liefern unsere Artikel  dorthin, die lagern, verpacken, versenden und bearbeiten auch die Retouren. Das pusht unseren Umsatz gewaltig nach oben aber bei der Nachkalkulation stellen wir fest, das die Retourenquote dort bei über siebzig Prozent liegt, bei uns liegt sie unter dreißig Prozent. Da unser neuer Partner aber auch Provisionen  für die Retouren verlangt, sind sie die einzigen, die an diesem Deal verdienen…….wir steigen also wieder aus. Dann geht Emilias Lieblingslabel pleite, offensichtlich war die Kapitaldecke des neuen Eigentümers zu dünn. Sie müssen ja ihre Kollektionen vorfinanzieren, das heißt, dass zwei Kollektionen schon bezahlt werden müssen, bevor sie in den Verkauf kommen. Und man benötigt ausreichend liquide Mittel, um die laufenden Kosten decken zu können, bis die erste Kollektion verkauft ist. Von ihrem Insolvenzverwalter bekommen wir jetzt eine große Menge Ware angeboten. Wir können nicht aussuchen, bekommen aber das ganze Paket zu Stückpreisen, da können wir einfach nicht nein sagen. Wir haben jetzt mehr als vierzigtausend eigene Artikel auf Lager und können uns beruhigt zurücklegen…….es gibt keinen Mangel an Waren.  Auch ansonsten geht es uns wirtschaftlich wieder recht gut. Ich lasse an unser Haus einen dreißig Quadratmeter großen Wintergarten anbauen und zur Straße hin einen Schmiedeeisenzaun mit einem elektrohydraulischem Tor installieren. Die A – Klasse, die wir seinerzeit mit den Schiffen mitgekauft hatten, hatten wir mittlerweile auch wieder gegen eine bequeme Limousine gleicher Marke eingetauscht……wir können also mit uns ganz zufrieden sein. CUXship hat zwei Schiffe noch vor Beginn der Wirtschaftskrise verschrottet. Beide hatten einen größeren Motorschaden die es sich nicht mehr lohnte reparieren zu lassen. Mit dem  Erlös tilgte ich die restlichen Schiffshypotheken. Jetzt hat die Firma noch sieben Schiffe und ist schuldenfrei. Fünf Schiffe waren fest vermietet und brachten eine gute Miete ein. Die zwei Anderen, die noch auf unserer Rechnung fuhren, legte ich Ende 2008 still. Durch die Wirtschaftskrise hatte sich das Frachtaufkommen um mehr als dreißig Prozent verringert. Die Frachtraten waren jetzt so schlecht, dass ich nicht einmal mehr die laufenden Kosten erwirtschaften konnte.  Ich wollte die beiden Schiffe jetzt auch verschrotten aber die Schrottpreise waren, wegen fehlender Nachfrage  im Keller. Es war mir klar, dass diese Krise nicht ewig dauern würde und so spielte ich auf Zeit. Und wirklich, schon ein knappes Jahr später lief die Weltwirtschaft wieder an. Die Rohstoffpreise  und damit auch die Schrottpreise explodierten wieder und ich ließ die beiden Schiffe verschrotten. Jetzt hatten wir nur noch die fünf vermieteten Schiffe. In den Mietverträgen hatte ich den Mietern ein Vorkaufsrecht eingeräumt, nachdem sie die Schiffe nach Ablauf der Verträge Ende 2011 zu einem schon festgelegten Preis erwerben konnten. Dieses Vorkaufsrecht wollten auch alle fünf Mieter wahrnehmen. Das bedeutete, nach dem 01.01.2012 wären die Schiffe verkauft und meine Schifffahrtskarriere damit endgültig beendet. Aber ich hatte ja noch genug um die Ohren……..Emilia überlegt, ob sie sich ein eigenes kleines Label schafft, das sie so nach und nach in Ihrer Internetboutique bekannt machen will. Ich finde das ist eine gute Idee. Sie hat einen guten Geschmack und weiß immer was gerade „up to date“ ist. Sofort fange ich an, Kontakte nach Vietnam zu knüpfen. Die Qualität aus Vietnam ist zwar etwas teuerer aber um einiges  besser, als die aus Bangladesh. Ich habe auch schon die Kosten für die Eintragung einer Marke und  Preise und Transportkosten hinterfragt. Wir überlegen im nächsten Winter mal nach Vietnam zu fliegen um uns bei Herstellern umzusehen. Dann meldet sich die ehemalige Einkaufsleiterin des Labels, mit dem wir, bevor sie pleite gegangen waren, zusammengearbeitet hatten. Deren Insolvenzverwalter hatte die Marke an Russen verkauft und sie wäre wieder im Job. Die Beiden hatten vorher ein fast freundschaftliches Verhältnis zueinander gehabt und deshalb hatte sie Emilia bei ihrem neuen Arbeitgeber wieder für die Verwertung der Restposten ins Spiel gebracht. Die Russen waren sehr interessiert. Sicherlich hat da auch mitgespielt, dass sie eigentlich Landsleute waren und Emilia aus dem gleichen Sprachraum kam. Emilia fuhr also nach Hamburg um die neuen Leute kennenzulernen. Ich hatte ihr mitgegeben, dass sie versuchen sollte, die Ware in Kommission zu nehmen. Wir würden sie verkaufen, dafür eine Provision bekommen und hätten überhaupt kein Risiko. Als sie zurückkam, war sie vollauf begeistert. Mit den neuen Inhabern war sie sofort per du und die hatten meinem Vorschlag zugestimmt. Sie wollten einen Teil ihrer Restposten in Russland absetzen, Emilia würde aber einen Bestand von zehntausend Artikeln bekommen, die sie sich aussuchen könnte und der immer wieder aufgefüllt werden sollte. Das klang sehr gut…….  Da der Versand aus zwei verschiedenen Lagern sehr kompliziert ist, und die Zinsen niedrig waren, schlage ich vor unsere bestehende Halle zu erweitern. Das Grundstück ist groß genug und die Kapitaldienste wären kaum höher als die Miete, die wir jetzt zu zahlen hatten. Wir hätten dann unsere gesamte Ware an einem Ort. Außerdem müssen wir unser Büro erweitern denn wir benötigen dringend Räumlichkeiten für zwei zusätzliche Mitarbeiterinnen für die Kundenbetreuung und ein Büro für die Lageristin. Ich bin wieder in meinem Element……..ich plane die Erweiterung von Halle und Büro, mache Ausschreibungen, kümmere mich wieder um Fördermittel und die Finanzierung…….. Seit einiger Zeit hat sich das Verhältnis zwischen Emilia und mir etwas abgekühlt. OK…..ich verstehe natürlich, dass eine Frau mit vierunddreißig ein paar andere Interessen hat, als ein Mann mit siebenundsechzig. Sie hat einige gleichaltrige Freundinnen, auch aus dem Osten, mit denen sie des Öfteren ihre Freizeit verbringt. Ich gönne ihr dass, nur als sie dann fast jedes Wochenende zusammen ausgehen, meine ich, dass wer sich in Gefahr begibt, darin umkommen könnte. Ich sitze also jetzt viel alleine zu Hause und mache mir Sorgen. Als sie mit ihren Freundinnen für ein Wellness -Wochenende in den Harz fährt, werde ich misstrauisch und reagiere sauer. Ich habe vorher immer viel mit ihr unternommen. Zu unseren Hochzeitstagen hatte ich jedes Jahr eine Überraschungsreise organisiert. So haben wir erst vor drei Monaten eine Woche am Gardasee verbracht. Ostern hatten wir uns mit Marco und Jana eine Motorjacht gemietet und waren eine Woche auf den ostdeutschen Seen und Wasserstraßen unterwegs gewesen. Wir gingen ins Theater, kannten fast alle gängigen Musicals, und besuchten Konzerte wie zum Beispiel das von Elton John in Hamburg……ich bemühte mich sehr unser Zusammenleben nicht langweilig werden zu lassen. Jetzt aber hatte sie plötzlich keine Lust mehr, mit mir etwas zu unternehmen. Als sie dann aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer auszog, weil ich neuerdings so laut schnarchen würde, habe ich erst einmal nichts gesagt……war mir jetzt aber fast sicher, dass da irgend etwas nicht stimmen würde. Sie ging mir auch irgendwie immer aus dem Weg. Kurz vor Weihnachten bat sie mich um ein Gespräch und gestand mir, dass sie schon seit einiger Zeit eine Affäre hatte. Ich hatte es doch geahnt und reagierte sehr gefasst. Ich fragte sie, wie es denn jetzt weitergehen sollte. Sie weinte und erzählte mir, dass die Sache eigentlich schon vorbei wäre. Ihr Freund wollte aus beruflichen Gründen nach Süddeutschland gehen und sie sollte mitkommen. Da sie das nicht wollte und konnte, hätten sie sich getrennt. Ich schöpfte wieder Hoffnung und war bereit ihr alles zu verzeihen. Um etwas Abstand zu bekommen, flogen wir über Weihnachten und Sylvester auf die Kanaren. Bei allen Aktivitäten, die ich vorschlug reagierte sie aber teilnahmslos und als ich sie zufällig beim telefonieren erwischte, wusste ich…….es ist noch nicht vorbei.  

Ihr Freund war doch geblieben und sie wollte jetzt ausziehen. Nicht zu ihm, so sicher war sie sich noch nicht, sondern in eine eigene Wohnung. Ich könnte ja in dem Haus wohnen bleiben. Diese Entwicklung riss mir total den Boden unter den Füßen weg. Mit einem Mal brach alles über mir zusammen. Es war für mich noch schlimmer als nach dem Schiffsuntergang. Damals war ich noch ein paar Jahre jünger und nicht alleine. Ich hatte ja Emilia an meiner Seite und habe durch sie sehr schnell meinen Überlebenswillen zurück gewonnen. Aber jetzt……womit sollte ich mich dieses Mal motivieren. Ich beinahe siebzig, alleine und…….mein Leben ist bald vorbei. Die Schifffahrt ist abgeschlossen, der Erlös steckt als Eigenkapital in der Finanzierung der Hallenerweiterung. Ich kann nicht noch einmal von vorne anfangen und wüsste auch nicht was und wie und…….ich habe auch keine Kraft mehr. Rein rechtlich gehört mir eigentlich gar nichts. Wegen meiner Insolvenz trat ja Emilia überall als Eigentümerin in Erscheinung. Also gehört ihr auch unser Wohnhaus. Sie erhob aber keine Ansprüche dieser Art, wusste sie doch, dass alles was wir besaßen zum großen Teil mein Verdienst war. Aber wie sollte es weitergehen? Ich hatte ja außer einer kleinen Rente keine Einnahmen und hätte mir das Haus gar nicht leisten können und…… ich wollte es auch nicht.  Wenn wir jetzt das erarbeitete Vermögen teilen wollten, müssten wir alles verkaufen und hoffen, dass am Ende noch etwas zum Teilen übrig bleibt. Bei meiner Insolvenz war schon soviel Vermögen zerschlagen worden…….das wollte ich nicht noch einmal erleben. Ich machte ihr also den Vorschlag, dass sie Haus und Betrieb weiterhin behält und mir im Gegenzug eine monatliche Apanage bezahlt. Sie war froh, dass ich so widerstandslos aufgab und stimmte dem zu. Wir gingen zum Notar um diese Vereinbarung beurkunden zu lassen. Damit war der Weg für die Scheidung, die sie so schnell wie möglich wollte, geebnet. Ich weiß nicht warum……aber ich hatte das Geld aus dem gewonnenen Versicherungsprozess in Berlin, beiseitegelegt. Nicht, weil ich mit dieser Entwicklung gerechnet hatte, eher als Erfahrung aus meiner Pleite, dass es nicht schlecht ist, wenn man irgendwo noch eine kleine Reserve hat.  Was fange ich jetzt mit meinem Restleben an? Ich habe keine Lust, nachdem ich meinen Altersruhesitz, den ich mir mit soviel Freude geschaffen hatte, verloren habe, mir eine Wohnung zu suchen. Wenn mich jetzt der Schlag treffen würde…..es wäre mir recht. Aber er trifft mich nicht deshalb muss ich irgendetwas tun, ich muss ja irgendwo unterkommen.  Ich habe immer schon gerne Reiseberichte gelesen und mein letzter war von einem Ehepaar verfasst, die mit einem Boot unterwegs waren. Vielleicht war das etwas für mich, schließlich ist ja das Wasser mein Element. Ich suchte im Internet nach einem passenden Boot für mich und finde auch eine ganze Reihe gebrauchter Motorjachten, die vom Preis und der Ausstattung durchaus infrage kommen würden. Dann fällt mir aber ein……ich bin ja alleine. Und alleine kann man mit einem Boot schlecht auf Reisen gehen. Ich bin auch nicht mehr so sportlich um das ohne Partnerin auf die Reihe zu bekommen.  Dann fällt mir eine Geschichte in die Finger, in der ein älteres Ehepaar ihr Hab und Gut verkauft, sich ein Wohnmobil angeschafft und dieses nach Montevideo verschifft hatten. Sie waren danach über ein paar Jahre von Feuerland bis Alaska unterwegs gewesen. Das könnte ich mir schon eher vorstellen. Es muss ja nicht gleich eine Tour über den ganzen amerikanischen Kontinent sein…….es geht doch bestimmt auch eine Nummer kleiner. Also bestelle ich mir ein Buch von Leuten, die mit dem Wohnmobil der Sonne hinterher reisen. Im Sommer in Nordeuropa, im Winter Spanien, Portugal und Marokko. Diese Reisebeschreibung gefiel mir sehr gut und ich fange an mich intensiv mit Wohnmobilen zu beschäftigen. Ich habe noch nie in meinem Leben Camping gemacht und hatte mir also auch noch nie ein 
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solches Gefährt angesehen. Das holte ich jetzt nach. In entsprechen Foren konnte ich nachlesen, auf was ich zu achten hatte und dann fuhr ich zu einem großen Händler für gebrauchte Womos und schaute mich mal um. Wenn man, wie ich, bisher nur PKW gefahren ist, kommt einem so ein Teil groß wie ein Omnibus vor. Ich brauchte unbedingt ein Fahrzeug mit Automatik um mich überhaupt zu trauen, damit loszufahren. Der Händler hatte nichts Passendes und so suchte ich im Internet und wurde auch fündig. Ein Privatmann aus der Gegend von Bonn bot ein Womo an, das so in etwa meinen Vorstellungen entsprach. Nachdem er mir alle möglichen Fotos und Unterlagen gemailt hatte, fuhr ich hin und kaufte es. Jetzt besaß ich mein „Rolling Home“.  In so einem Gefährt hat man ja nicht so sehr viel Platz also nahm ich aus unserem Haus nur ein paar Jeans, T-Shirts, Wäsche, Hemden, zwei Jacken, zwei paar Schuhe, ein paar Handtücher und Bettwäsche mit und das Wohnmobil wurde mein Zuhause. Wieder einmal hatte ich mein vorheriges Leben mit kleinem Gepäck verlassen…. Emilia hatte mich gebeten, die Hallenerweiterung noch zu beaufsichtigen, denn wer außer ich hätte das tun können. Ich versprach ihr, als zuzusagen meine letzte Amtshandlung, mich darum noch zu kümmern. Ich hatte ja jetzt einen Bauwagen und war Tag und Nacht auf der Baustelle. Als der letzte Hammerschlag getan war, reichte ich alle erforderlichen Unterlagen an die Förderbank ein und nachdem die Zusage vorlag, dass die Fördermittel zur Auszahlung bereit stünden, drehte ich den Zündschlüssel rum. Über den Norden war soeben der erste schwere Herbststurm hinweggefegt. Ich wollte jetzt ab in den Süden……..  Und aus der Dunkelheit sprach eine Stimme zu mir: „Bete und sei froh, es hätte schlimmer kommen können“. Ich betete und war froh……..und es kam schlimmer. Das Schicksal ließ mir jedoch noch erst einmal noch ein wenig Zeit, mich an mein neues Leben zu gewöhnen.  Aber nachdem ich den zweiten Winter im Süden und in Marokko verbracht hatte, über meine Reisen werde ich später, in einer neuen Geschichte, noch ausführlich berichten, erreichte mich auf der Rückreise in den Norden ein Hilferuf von Emilia. Weinend erzählte sie mir, dass sie in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckte und fragte mich, ob ich nicht kommen könnte. Sie hätte ja niemanden, der sie in dieser Situation unterstützen und beraten könnte. Ihr Freund hätte von ihrem Geschäft keine Ahnung und wäre ihr keine Hilfe….. Ich hatte mich schon gewundert, dass meine Apanage ausblieb und mir fast so etwas gedacht. Sie tat mir natürlich leid aber es ging ja auch um meine finanzielle Zukunft da konnte ihr meine Hilfe  doch nicht verweigern.  In Cuxhaven angekommen, stellte ich fest, dass ihre Lage schlimmer war, als ich gedacht hatte. Die Halle war fast leer. Unser Warenbestand, der eigentlich einen Verkaufswert von sechs bis siebenhunderttausend Euro gehabt hatte, war weg. Kurz vor meinem Abgang hatte ich fünfzig neue Rollständer angeschafft, auf denen fünftausend Braut – und Abendkleider Platz hatten, die wir aus einem Konkurs eines Brautmodengeschäftes übernommen hatten……alle Ständer waren leer. Alles verkauft und trotzdem hatte sie finanzielle Probleme…….wie konnte das sein? Sie hatte sich von ihren russischen Partnern über den Tisch ziehen lassen……. von den zehntausend Artikeln, die sie in Kommission genommen hatte, waren die Angesagtesten natürlich zuerst weg. Irgendwann gab es in dem Bestand eine große Anzahl von Artikeln, die nur noch mit erheblichen Preisabschlägen zu verkaufen waren. In dieser Zeit kündigten die Russen den Kommissionsvertrag weil sie, laut ihrer Aussage, ihre Restposten zu besseren Preisen in Russland absetzen könnten. Sie boten Emilia an, die Kommissionsware, die sie 
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noch in ihrem Bestand hatte, für fünfzehn Euro plus Mehrwertsteuer pro Stück zu kaufen. Das bedeutete, Emilia musste  fast einhundertachtzigtausend Euro aufbringen. Die Mischung der Ware rechtfertigte diesen Preis aber nicht. Weil aber die Russen ihr einräumten diesen Betrag in drei Monatsraten zu bezahlen, ließ sich Emilia trotzdem, warum und wieso auch immer, auf diesen deal ein. Ich hätte den Russen gesagt, dass sie ihre Ware wieder zurücknehmen könnten und bin sicher, dass ich damit den Preis erheblich reduziert hätte. Emilia hat sich das aber nicht getraut und  hatte jetzt zusätzlich zu ihren Betriebskosten und dem Lohn für zehn Arbeitnehmerrinnen, drei Monate lang monatlich noch sechzigtausend Euro an die Russen zu zahlen. Als sie merkte, dass ihr das kaum gelingen würde, fing sie an die Ware zu versteigern um so die Umsätze zu generieren, die sie benötigte. Das bekam sie auch kurzfristig hin,  nur dabei erzielte sie jetzt pro Artikel nur noch maximal die Hälfte von dem, was sie dafür bezahlt hatte. Dazu kamen auch noch die Versandkosten. Jetzt nahm ihr Warenbestand rapide ab, trotzdem blieb nichts über, um neue Waren zu kaufen und auch zu bezahlen. Daraufhin ließ sie sich ihren Kontokorrent erhöhen. Sie hatte sich auch nicht getraut in dieser Situation einen erheblich günstigeren Warenkredit zu beantragen um damit die Forderung der Russen zu begleichen. Jetzt arbeitet sie mit einem Kontokorrent mit zwölf Prozent Zinsen, der vorne und hinten nicht ausreichte. Das wiederum führte dazu, dass sie Rechnungen über neue Warenlieferungen auch nicht bezahlen konnte. Hätte sie mir ihre Probleme vor drei, vier Monaten mitgeteilt, hätte vermutlich ein Befreiungsschlag noch geholfen……jetzt war es zu spät. Trotzt ihres Betriebswirtschaftsstudiums war sie aus eigenem Verschulden…… pleite. Wieder einmal ist alles weg. Das neue Haus, die Halle. der Gewerbebetrieb……wieder waren alle Anstrengungen umsonst. Irgendwie fühle ich mich aber doch noch mitschuldig, weil ich sie mit dem Geschäft alleine gelassen hatte……ich hätte mich doch nicht so einfach davonstehlen sollen. Jetzt nehme ich sie an die Hand und gehe mit ihr zur Sparkasse aber wie war das noch mit dem Regenschirm……? Es bleibt uns nichts anderes übrig, es gibt keine andere Möglichkeit……wir gehen gemeinsam zum Konkursrichter. Danach übernehme ich auch noch die traurige Mitteilung an die Mitarbeiterinnen und weil Emilia, jetzt völlig am Boden zerstört ist, auch die  Auseinandersetzungen mit dem Konkursverwalter……mehr kann ich nicht für sie tun. Sie ist ja noch jung genug und wird sicher einen neuen Anfang finden. Und ich…… In ein paar Tagen werde ich siebzig und mein Leben wird sich jetzt, so wie es aussieht, unterhalb der Grundsicherung als Tramp in einem Wohnmobil abspielen. Vom Millionär zum Tramp, welch ein Absturz. Offensichtlich habe ich die Lektionen, die mir das Leben aufgezeigt hat, nicht begriffen. Ich habe, so wie es aussieht, nichts dazugelernt sondern eher noch die Hälfte vergessen. Ich muss jetzt unbedingt hier weg. Ich werde erst einmal nach Norden fahren und  in Ruhe nachdenken.  Vielleicht schreibe ich ja alles einmal auf, das wäre doch noch einmal etwas ganz Neues für mich. 

Ende